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 Folge 007 - Wassermusik [Atlantica]

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BeaniXs
Die stille Heldin
Die stille Heldin
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BeitragThema: Folge 007 - Wassermusik [Atlantica]    26.12.11 20:42

Atlantica:
Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, seit BeaniXs diesen Ort verlassen hatte. Nun trat sie sicher aus dem Portal und schritt auf den großen Stein, der aus dem Wasser ragte und gerade groß genug war, um zwei Schritte darauf zu tun. Die Brandung, der sie nahe war, rauschte sachte und schlug gegen Felsen und den Strand, den sie sehen konnte. Der Wind spielte mit ihren Haaren und wehte es an ihrer Wange entlang. Als sie den Blick nach oben richtete kreisten geierartig Möwen ihre Bahnen. Der Himmel in grau und voller Wolken. Es war die Unendlichkeit des Meeres und der Wind, der forsch nach Aufmerksamkeit gierte und sich nicht rühmte, ein wenig Geschick in Gastfreundschaft aufzubringen, das sie stillschweigend machte und auf eine unangenehme Weise genießen ließ. Erinnerte dieser Ort doch noch immer an den anderen mit dem ähnlichen Namen, nur dass er nicht unter Wasser lag.
BeaniXs griff in ihre Manteltasche und holte den Trank heraus, der in einer kleinen Phiole verwahrt war und sie am Leben halten würde, wenn sie ins Wasser ginge und sich diesem Abenteuer stellen würde. Sie fragte sich innerlich, was geschähe, wenn sie getrunken hatte. Sollte sie vielleicht gleich ins Wasser springen oder zuerst trinken? Entscheiden konnte sie sich nicht. Aber bedachte sie, dass der Trank ihre leicht aus der Hand rutschen konnte, wenn sie ihn nach dem Sprung trank, wo ihre Hände feucht sein würden, dann fand sie es besser, erst zu trinken und dann zu springen, in die eklige Nässe des salzigen Ozeans.
Sie seufzte und löste den Korken, der mit einem freundlichen Plopp! den Hals freigab. Sie warf ihn ins Wasser und besah sich die ominöse Flüssigkeit, ließ sie in der Flasche ein wenig schwanken, sodass sich das Licht leicht darin brach und glitzerte.
"Salute.", prostete sie sich zu und setzte die Flasche an die Lippen, wonach sie sogleich den Kopf in den Nacken legte und alles in einem Zug herunter schüttete, als seie es Absinth höchster Promille. Sobald die Phiole leer war, richtete Bea den Kopf wieder gerade und verzog eklig berührt das Gesicht. Wonach hatte das eben geschmeckt? Sie konnte es nicht sagen, aber es war sichtlich kein Vergnügen gewesen. Sie ließ ihre Zungen gegen den Gaumen schnappen, um noch einmal eine Priese des Geschmacks wahrhaben zu können, jedoch klappte es nicht sie schmeckte rein gar nichts, fühlte jedoch mit einem Mal, dass ihre Kehle immer trockener wurde und musste wenige Augenblicke später feststellen, dass ihr der Atem bang wurde. Sekündchen um Sekündchen wurde es ärger, bis sie bald gar keine Luft mehr bekam und sich automatisch an die Kehle fasste, wobei ihrer anderen Hand die Phiole entglitt und mit einem Platschen ins Wasser fiel und in den Tiefen verschwand.
Der Effekt der Tinktur war ihr neu und somit hatte sie auch keine Ahnung, was sie machen sollte. Ihre Augen glitten auf das noch immer den Felsen umspielende Nass und es sah plötzlich nicht mehr aus, wie der Ruf ins Verderben, sondern eher sehr verführerisch und es war nicht abzusehen, wie sehr es sie anzog, sodass sie einen bescheidenen Hopser machte und das Unaussprechliche tat.
Der rosa Schopf entschwand von der Oberfläche und tauschte ins Wasser ein.
Sogleich erfüllte BeaniXs eine große Erleichterung und sie konnte fühlen, wie die Beklemmung ihrer Lunge nachließ und sie atmen ließ, und dies ausgerechnet in dem ihr verhassten Element.
BeaniXs rote Augen schauten sich um. Sie war tatsächlich unter Wasser, schwamm ohne Anstrengung, ging nicht steingleich unter und kalt war ihr zudem auch nicht. Ihre Orgakutte war verschwunden in Dunst und Nebel und war einer dunkelgrauen, wohl schwarzen Fischflosse gewichen, genau an jener Stelle, wo dereinst ihre Beine gewesen waren. Noch dazu hatte sie der Trank mit einer Art Neckholder-Bikinioberteil ausgestattet - wohl, um ihre Ästhetik zu betonen oder um kinderfreundlich dargestellt zu sein -, aber ihre Kette sowie ihre Augenzeichnung waren nach wie vor vorhanden und somit konnte BeaniXs, trotz ihrer wirbelnden Frisur behaupten, dass sie noch sie selbst war; nur eben als ein Fischfräulein oder wie immer sich die Bewohner dieser Welt nennen mochten und das war für sich schon viel.
Neugierig wagte sie die ersten Schwimmzüge. Sie war beeindruckt von der Einfachheit dieser Aktion, konnte sogar kaum glauben, dass es ihr quasi natürlich vorkam, dass die Wellen sie bewegten und trugen, wobei die Floss für den ausreichenden Antrieb sorgte, um sie fortzubewegen. Nach einer Weile hielt sie an und richtete ihren Blick nach oben, wo blass die Sonne durch einen Wolkenvorhang blickte, um gleich darauf von einem großen Schatten wieder verschluckt zu werden. BeaniXs kannte solcherlei Schatten zur genüge. Es war ein großes Schiff, ähnlich im Bau wie jenes, das sie seinerzeit nach Atlantis gebracht hatte; aber weiter wollte sie sich nicht mit jenen Gedanken beschäftigen, es galt immerhin nach dem Unversed zu suchen oder zumindest zu fahnden. Es war noch nicht sicher, ob sie ihm überhaupt begegnen würde.
Das Wasser war einsam und es zeigten sich keine Spuren von anderen Personen oder wie auch immer die Einheimischen hier bezeichnet werden konnten. Sie schwamm tiefer, bis sie den Boden erreicht hatte. Es tat ihren Augen irgendwie gut, mal wieder etwas der Erde Ähnliches zu erblicken. BeaniXs grub ihre Hände in den Sand und genoss seine krümmelige Gestalt. Bald schon konnte sie sich nicht mehr halten und vergrub sich in dem Sand wie die Flunder, die wenige Meter von ihr entfernt war und sie eines seltsamen Bliches würdigte.
"Was denn? Ich bin zum ersten Mal hier!", verteidigte dich BeaniXs mit lauter Stimme, was den Blick der Flunder noch eigenartiger werden ließ, war sie es doch eigentlich gewohnt, dass Wesen, wenn sie, wie Bea im Moment, aussahen, eigentlich an den Sand sowie das Wasser gewöhnt waren und sich niemals einer derarten Peinlichkeit hingegeben hätten; nicht mal, wenn ihr Leben davon abhinge. Das war so klar wie die Tatsache, dass Wasser nass war und als Flunder wusste man das nun wirklich mit Sicherheit, obschon sie nicht genau wusste, was trocken war.
Mit einem vernehmlichen „Ts!“ beschloss die Flunder sodann ihrer Wege zu ziehen und das seltsame Fischmädchen sich selbst zu überlassen, es war ja auch keine Art, sich über Ausländer dieser Art lustig zu machen oder sich zu wundern nach allen Regeln der Kunst.
BeaniXs sah dem ungehörigen Fisch nach und kroch aus dem Sand. Mit ein wenig Klopfen und dem umher sowieso zur Genüge vorhandenen Wasser war es ein Leichtes, sich davon zu befreien. Dann seufzte sie wieder einmal und blickte sich um.
„Ich muss irgendwo mit der Untersuchung beginnen. Aber wo? Alles ist so endlos und riesig.“, meinte sie zu sich selbst und blickte sich ein wenig verloren um, „Ich will nicht alles absuchen. Das ist zu viel.“
Etwas ziellos setzte sie ihren Weg fort. Sie sah Seepflanzen, die sich in den Wellen wiegten, Muscheln, Schalentiere – die wohl sehr wohlschmeckend sein mussten, wenn man sie briet –, auch ein paar Fischschwärme kreuzten ihren Weg, aber an sich sah sie keine Spur von einem Unversed oder einem Herzlosen oder von irgendwem. Es war eine mühselige Angelegenheit und noch nicht einmal ihr Eifer konnte ihr hier helfen. Schneller als Schritttempo wagte sie sich nicht, da die Gegend viel zu unbekannt war und außerdem fürchtete sie Wichtiges zu übersehen. Allerdings trat die Ratlosigkeit nach einer Viertelstunde so in ihr Gemüt, dass sie sich auf einen Stein setzte und erst einmal eine Pause machen wollte.
„Was mache ich denn jetzt?“, fragte sie sich und stützte den Kopf auf die Hand. Ein Außenstehender hätte mit Sicherheit angenommen, dass sie traurig oder niedergeschlagen war, aber sie war schlichtweg ratlos und wenn man keine Gefühle hatte, war Ratlosigkeit an sich schon das höchste der Gefühle – irgendwie.
„Was ist passiert? Hast du dich verlaufen?“, erklang es nach einer Weile hinter ihr und verwundert wandte BeaniXs den Blick zu der rothaarigen Meerjungfrau mit der grünen Flosse, gegen welche sie sogleich ein schweres Misstrauen empfand.
„Ja, ich hab mich irgendwie verlaufen.“, bestätigte die pinkhaarige Schönheit und hob eine Braue, da sie ihre Ansichten, wenn sie dieser Art waren, nur sehr schwer zu verbergen wusste. „Wer bist du?“
„Ich bin Arielle.“
„Hi.“, meinte BeaniXs trocken und konnte sich nicht einer Freundlichkeit entsinnen, die ihr sonst so anhaftete. Vor allem wehrte sie sich solange sie konnte dagegen, ihren Namen zu nennen.
Die Meerjungfrau schaute sie verwirrt an, behielt jedoch ihre Freundlichkeit bei und glaubte, dass das arme Mädchen wohl Schlimmes erlebt haben musste, dass es nun so abwehrend reagierte. Womöglich half bei diesem Problem schon ein kleines Lied, um eine Freundschaft zu entfachen und lauter tolle Abenteuer zu bestreiten und so weiter und so weiter. In Arielles Gesicht spiegelten sich Hoffnung und Glück und vor allem öffnete sie ihren Mund, um einen dieser berühmten Disney-Hits zu schmettern.
„Wenn Freundschaft leeeeebt -“
„Stop!“, fiel ihr BeaniXs ins Wort und schaute ungehalten drein.
„Was ist denn? Ein Lied wird unsere Freundschaft besiegeln und das Eis brechen.“
„Okay, Schwester, sperr mal die Lauscher auf. Ich versuche hier sowas ähnliches wie Arbeit zu erledigen und habe keine Zeit für ein Lied auf die Freundschaft. Ich will klare Fakten, Antworten auf meine Fragen und vor allem keine lästigen Leute, die unbedingt Hilfe erwarten, nur weil man neu in der Gegend ist. Das Leben ist immerhin kein Wunschkonzert!“
„Habe ich dich mit irgendetwas verärgert?“
„Nein, ich will einfach nur nicht SINGEN!“, machte BeaniXs ihren Standpunkt deutlich und schwamm mit verschränkten Armen und ihrem ernsten Gesicht auf das rothaarige, grünschwänzige Geschöpf zu, welches zu allem Überfluss noch immer grinste und an das Gute in dem Niemand vor sich glaubte.
„Wie heißt du denn?“, fragte sie.
„Bringt uns das irgendwie weiter, wenn ich es dir verrate?“
„Ja.“
„Ich bin BeaniXs.“
„Das ist ein sehr schöner Name. Vor allem weil er nicht mit A anfängt, wie die Namen meiner Schwestern und mir.“
„Ich mag den Buchstaben A zufällig sehr.“, wandte Bea ein und fiel sich fast selbst ins Wort, als ihr ein entscheidender Satz einfiel, um die Situation zu kippen, „Bring mich zu deinem Anführer.“
Arielle schaute verwundert drein.
„Ähm … ich kann dir den Weg erklären, aber“, meinte sie und seufzte dann tief, „ich kann dich nicht begleiten. Dieser Anführer, wie du es nennst, wäre in diesem Fall mein Vater, der König von Atlantica. Ich hatte vorhin einen Streit mit ihm und er ist noch immer sehr ungehalten, deswegen will ich ihm lieber eine Weile aus dem Weg gehen.“
BeaniXs seufzte entnervt. Sie hatte einfach nur wissen wollen, wer in dieser Welt das Sagen hatte und nicht mal mit einer Silbe hatte sie nach der Lebensgeschichte dieser Göre gefragt. Allerdings konnte sie es nur zu gut nachvollziehen, dass man nur ungern mit einer Person zusammen war, wenn man gerade mit dieser in Streit war. Aber das änderte nichts daran, dass sie Dinge zu erledigen hatte, die von größter Bedeutung waren, das Erforschen der Unversed oder das Zernichten der jeweiligen, es kam ganz drauf an, wie kooperativ sie sich erwiesen. Sie blickte schweigend auf die nun recht deprimiert dreinblickende Arielle, die versuchte mit krampfhaftem Lächeln ihre tiefe Bedrücktheit zu verbergen.
„Warum tust du das?“, fragte die Niemandin.
„Tue ich was?“, entgegnete die Meerjungfrau.
„Du lächelst, obwohl dir nicht wirklich danach ist.“
„Ähm, nun ja,“, ein schüchternes Lächeln folgte, „Es ist so, wenn ich mich zwinge, froh zu sein und mich bemühe die vielen schönen Dinge zu sehen, die um mich herum sind, dann geht es mir viel schneller besser und ich denke nicht mehr so viel über den ganzen Ärger nach.“
„Vernünftig.“, pflichtete Bea bei und erkannte darin geradezu ihr eigenes Verhalten wieder. Sie war auch gänzlich anders eingestellt als die anderen Niemande, die anscheinend Spaß daran hatten, stets und ständig mieser Laune zu sein und in all ihrer Coolness nach Tiesfsinnigkeit zu streben, wohingegen sie, BeaniXs, eher lachte, lächelte und vergnügt war, und das Echo dieser Empfindungen wieder und wieder runterspielte, um es nicht zu vergessen und es immer wieder zu erleben. Solange sie das tat, ging es ihr gut.
„Was ist das? Das ist hübsch!“, meinte plötzlich Arielle. Ohne es zu bemerken, war das Fischfräulein auf sie zugeschwommen und hatte Beas Kette in die Finger genommen und voller Faszination betrachtet. Sie schielte neugierig auf das silberne Oval und drehte und wendete es und das alles in einem Abstand zum Gegenüber, dass diese sich gänzlich unwohl fühlte. Mit einem lauten „HEY!“ machte BeaniXs auf das Unschickliche dieser Handlungs aufmerksam und verbarg ihren kleinen Schatz in der Faust.
„Das ist kein Spielzeug!“, machte die pinkhaarige Schönheit klar und huschte ein paar Zentimeter nach hinten. Die Nixe verbarg schnell die Hände hinter dem Rücken und grinste entschuldigend und wollte scheinbar eine Parodie als untrügliches Geschöpf darbieten; als könne sie kein Wässerchen trügen, und das in einer Welt, die eigentlich bloß aus Wasser bestand!
„Was ist das?“, fragte sie erneut und näherte sich ein paar Zentimeter.
BeaniXs schaute misstrauisch drein und ließ nur langsam die Faust von dem Kleinod.
„Ein Medaillon.“
„Und wozu ist das gut?“, wollte die neugierige Arielle wissen und schwamm einen Kreis um die schwarzflossige Ausländerin.
„Man bewahrt Erinnerungen darin. Es ist mein Geheimnis, was sich in seinem Inneren verbirgt.“, meinte Bea entschieden.
„Ist das in deinem Land so Brauch, dass man Geheimnisse nicht preisgibt?“, kam die nächste Frage und die Nixe blickte BeaniXs von ganz Nahem an, sodass sie sich schon wieder unangenehm fühlte, „Nicht einmal Freunden?“
„Wir sind keine Freunde.“, stellte sie wiederum klar, „Außerdem würde ich es keinem preisgeben, niemals und wenn es mir an den Kragen ginge.“
Da kicherte Arielle und drehte sich übermütig im Kreis und meinte jauchzend:
„Ich habe auch ein Geheimnis. Ein ganz riesiges! Ich würde es gern mit dir teilen. Vielleicht zeigst du mir dann deines, wenn du siehst, dass man mir vertrauen kann.“
„Das bezweifle ich und ich habe eigentlich eine Aufgabe hier. Ich suche nach etwas.“
Und schon hatte Arielle ihre Hand gegriffen und sie zerrte die Nummer Fünf wild hinter sich her, sodass diese kaum eine Chance hatte zu begreifen, wie ihr geschah.
„Aber das ist doch wundervoll! Du kannst es vielleicht bei mir finden! Ich habe einfach jeden Schnickschnack, der sich im Meer tummelt und zudem nicht mal hierher gehört! HAHAHA!“
Bei den Worten musste BeaniXs sich eingestehen, dass es eigentlich gar nicht so verkehrt sein konnte, mit der Meerjungfrau mitzugehen. Sie glaubte zwar kaum, dass im Plunder einer irren Königstochter etwas Sinnvolles sein würde, aber immerhin konnte sie dort mit einer eingehenden Untersuchung beginnen und wenigstens ein bisschen weiterkommen. Und wer konnte schon wissen, ob nicht doch das Glück ein wenig mitspielte und sich ein kleiner Herzloser an diesem ominösen Ort verbarg. Am liebsten wäre sie zwar zum König geschwommen und hätte dort begonnen, aber bei der heutigen Marktlage konnte man froh sein, wenn man überhaupt irgendwo eine Chance bekam, die einem dem Ziel näher brachte.
So ließ sich BeaniXs bereitwillig mitziehen und an Korallen vorbei und an zig Steinen entlang, durch Fischschwarme hindurch, Schnecken gestreift und so weiter, was sich eben alles Unterwasser tummelte, kroch und schwamm. Im Übrigen musste sich BeaniXs eingestehen, dass sie ohne Hilfe kaum einen Überblick über dieses Wasserlabyrinth bekommen hätte. Weder Wege noch Bäume konnten hier ein Wegweiser sein. Das war nur Sand, der durch die Wellen immer wieder anderes Aussehen erlangte und Fische, die sich unentwegt bewegten. Bei den Schnecken sah das zwar anders aus, weil sich diese nur schwerfällig bewegten, aber eine Schnecke konnte man doch nun wirklich kaum nach dem Weg fragen, da diese so gut wie kaum herum kam und bedachte man der Lächerlichkeit, mit einer Schnecke zu reden, das widersprach das vollkommen dem gesunden Niemandsverstand. Nein, dann lieber das Fischmädchen, das scheinbar eine gehörige Schraube locker und gewaltige Familienprobleme hatte.

[-> Arielles Schatzhöhle]
Verborgen in einem groben Stein sammeln sich allerhand seltsamer Gegenstände, die nur ein menschliches Auge als jene Gegenstände erkennen kann, die sie wirklich sind. Hier sind sie frei von System und Brauchbarkeit aufgestellt und gestapelt. EIniges ist schon längst vom Wasser zerfressen worden, vieles ist nur noch blanker Schrott, weniges ist noch in Takt. Jedoch ziemte sich der Sammler nicht, ein wissender um diese Dinge zu sein; für ihn zählte einzig die Schönheit, das Glitzern, die Machart, die Machbarkeit, die Faszination des Unbekannten, weil die Objekte aus einer gänzlich anderen Welt stammten, die er nur von weitem beobachten konnte. Das ist Arielles Schatzhöhle, ein Geheimnis, das nur sie und ihre engsten Freunde kennen.
Von einer wahrscheinlich verrückten Meerjungfrau gezogen, wurde BeaniXs in Arielles geheimes Versteck gebracht. Es war ein düsterer Bunker aus Stein, der von einem Loch in der Decke einen bescheidenen Lichtschein erwarb, sodass man sich nicht gänzlich als blind befinden musste. In den kleinen Spalten, auf dem Boden, überall war alles Mögliche an Gerümpel; Besteck, Korkenzieher, Kerzenständer, Tischchen, kaputte Stühle, ein Mob, Zinnfiguren, Angelhanken, Perlschmuck, Goldschmuck, Silberschmuck, Edelsteine, Vasen, Nippes und die Statue eines heroisch dargestellten jungen Mannes, dessen steinerner Blick kalt durch das Wasser blickte, wie ein Mensch, der dem Tod mit Stolz entgegentritt. BeaniXs kam nicht umhin sich umzusehen und voller Neugier die kleinen Felsspalten, die wie Regale ausgefüllt waren, zu betrachten, die ein oder anderen Gegenstand hier und da in die Hand zu nehmen und zu betrachten, um ihn dann wieder auf seinen Platz zu stellen.
„Beeindruckend.“, gab die Numéro Fünf zu und wandte den Kopf zu dem ihr irre scheinenden Fischfräulein, „Aber warum tust du das? Warum sammelst du das alles hier?“
„Es sind so wunderschöne Dinge, findest du nicht? Ich finde sie herrlich.“, meinte verträumt Arielle und ließ ein Windspiel klimpern.
„Aber das sind doch nur ganz gewöhnliche Gegenstände.“
„Oh nein! Sie kommen von oberhalb, von den Menschen. Ich finde sie bisweilen auf meinen Erkundungstouren und bringe sie dann hierher, um sie zu sammeln.“, gab die Meerjungfrau begeistert Auskunft und drehte eine Pirouette, sodass das Wasser um ihre Flosse Blasen schlug, die wie ein Perlengewebe die Bewegung ihres Körpers mitmachten.
„Menschen? Sind die besonders?“, hakte BeaniXs vorsichtig nach, da sie nicht alles zunichte machen wollte, indem sie zu viel Abneigung gegenüber den Vorstellungen dieses offensichtlich anderen Spezies an den Tag legte. Sie musste im Moment ihre Rolle beibehalten und so dezent wie nur möglich Nachforschungen anstellen.
„Sie sind so anders als wir.“, meinte die kleine Meerjungfrau mit sentimentalem Blick, „Sie leben da oben und haben all diese schönen Dinge. Wahrscheinlich wissen sie gar nicht, wie wundervoll ihre Erfindungen sind. Sie müssen sehr klug sein und ihre Welt muss voller Wunder und Geheimnisse stecken. Ach, was gäb ich nicht darum, einmal dort oben unter ihnen herumzu-zu-ähm … Wie heißt das?“
„Spazieren?“, half Bea.
„Ja, genau! – herumspazieren zu können. Nur einmal, nur einen Tag vielleicht. Das wäre schon genug.“
„Aber du würdest sterben, wenn du da oben zu lange bleibst, nicht wahr?“
„Richtig“, seufzte Arielle, „Es gibt keine Möglichkeit für mich, das alles jemals sehen zu können. Meine Sammlung ist alles, was mir von meinen Träumen bleibt.“
„Warum erforscht ihr nicht einfach die Menschen? Ihr seid doch gewiss ein großes Volk, da dürfte das doch kein Problem sein.“
„Nein, mein Vater würde das niemals zulassen. Er verachtet die Menschen. Ich dürfte nicht einmal all diese Dinge ansehen, wenn es nach ihm ginge. Erführe er von diesem Ort, würde er sehr wütend werden, vielleicht sogar alles zerstören.“
Die Nummer Fünf nickte begreifend und sah sich um. Wenn sie die Menge bedachte, die hier in dieser nun doch ziemlich klein werdenden Höhle gehortet war, dann bekam sie einen sehr großen Respekt vor Arielle, die all dies hier her geschafft hatte, jedes noch so kleine Stück. Es musste Jahre gedauert haben und noch dazu waren einige Dinge so unhandlich, dass der Transport der jeweiligen mit Sicherheit kein Vergnügen gewesen ist. Als ihre Augen ihre Runde beendet hatten, wollte sie eigentlich wieder Arielle vor sich wissen, jedoch war diese plötzlich verschwunden. BeaniXs rief kurz irritiert den Namen der kleinen Meerjungfrau, welche in einer Nische verschwunden war und dort in einem kleinen Kästchen herumwühlte. Bea kam näher heran, insgeheim sogar stolz darauf, dass sie ihre Flosse langsam in den Griff bekam und blickte neugierig auf das Tun der anderen, die zwischen Broschen, Ringen und Ketten etwas zu finden versuchte.
Nach einer Weile, in der sie kramte und kramte und sich an einer Broschennadel stach, was mit einem leisen Au begleitet und dann gleich ignoriert wurde, fummelte sie einen ovalen Anhänger aus dem Kästchen, der an einer Kette aus Silber befestigt war.
„Ich wusste, ich hatte so etwas schon einmal gesehen.“, meinte sie, „Aber ich wusste nicht, wie man es nennt und wozu es gut ist.“, sagte sie, verschloss das Kästchen und präsentierte BeaniXs ein Medaillon, das dem ihren nicht ganz unähnlich war.
„Woher hast du das?“, fragte die Niemandin verwundert.
„Es war in einem Zimmer von einem versunkenen Schiff. Ich habe das ganze Kästchen darin gefunden und mitgenommen. Hast deins denn auch aus einem Schiff?“
„Nein, von meinem Meister. Bei uns sind solche Sachen nicht verboten, weißt du.“, erklärte Bea vorsichtig, um nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig zu sagen, denn zu wenig führte zumeist zu noch mehr Fragen und sich aus zu vielen Fragen wieder herauszuwinden, ohne dabei Wichtiges zu verraten, war nicht besonders einfach, besonders für BeaniXs.
„Oh, ihr müsst sehr glücklich bei euch sein. Ihr dürft das alles entdecken und ausprobieren.“
„Na ja, glücklich sein – ist Ansichtssache. Wir sind zufrieden.“
Arielle lächelte BeaniXs an und verstaute dann das Medaillon wieder in dem Kästchen und war begierig darauf, der Fremden noch mehr von ihren Schätzen zu zeigen, um vielleicht noch mehr darüber zu lernen und die Menschen besser verstehen zu können. Aber BeaniXs‘ Aufmerksamkeit war schon wieder abgeschweift und betrachtete aufmerksam mit ihren künstlerisch begabten Rubinaugen die Statue des Mannes.
„Der Bildhauer hat vergessen dem Abbild Seele zu verleihen. Es ist viel zu starr und nicht natürlich. Keine Falten, keine Grübchen, nicht mal kleine Härchen …“
„Er ist bildschön, nicht wahr?“
„Na ja, wenn man Eisprinzen mag.“, meinte BeaniXs, die innerlich jeden Fehler auszubessern versuchte, um vor ihrem geistigen Auge eine schönere, vollkommenere und vor allem treffendere Version der Skulptur auferstehen zu lassen, selbst wenn sie das Original nicht einmal kannte und noch nie gesehen zu haben. Derweil umschwamm Arielle den Mann aus Stein und legte ihm vergötternd die Arme um den Hals. „Wer ist er?“
„Erik!“, meinte die Vergötternde, „Sie nannten ihn Erik. Er war wundervoll, so schön und …“
„Ein Mensch, nicht wahr?“, riet BeaniXs und sah dem Mädchen an, dass es bis über beide Ohren in den Mann verschossen war. Ihr Kommentar schien ihr allerdings wieder die Laune zu versauern, denn Arielle blickte recht traurig drein.
„Ich werde ihn wohl niemals wiedersehen.“
Bea seufzte.
„Man trifft sich immer zweimal. Kopf hoch.“, versuchte sie sie aufzuheitern.
„Meinst du wirklich?“
„Was weiß ich?“, meinte sie, „ Aber ich muss langsam wirklich meine Aufgabe in Angriff nehmen, wenn du verstehst. Sonst bekomme ich eine Menge Ärger.“
„Was gäb ich nicht, um bei dir zu sein?
Ich wär‘ ganz nah,
Wär‘ da
Dort, wo du bist.
Um dich zu sehen,
mit dir zu gehen.
Was tät ich nicht?
Wohin gehen wir?
Was wär das Ziel?
Mit dir nur Hand in Hand durchs Leben!
Nur du und ich
Ich wünsch für mich,
Ein Mensch zu sein!
Ich weiß nicht, wann,
ich weiß nicht, wie,
doch ich spür etwas Neues in mir!
Das ist kein Spiel,
es ist mein Ziel,
ein Mensch zu seeeeeeeeeein!“
BeaniXs räusperte sich höflich, um die kleine Meerjungfrau darauf hinzuweisen, dass sie nicht allein war und sich ein gesungener Monolog deswegen nicht schickte, zumal sich wirklich die Frage stellte, woher eigentlich diese Musik gekommen war.
„Arielle, hast mir gerade überhaupt zugehört?“, fragte sie, „Ich bekomme Schwierigkeiten, wenn ich meine Mission nicht erfülle.“
„Du hast recht, aber ich bin …“
„Ja, du bist verliebt! Alle haben es jetzt mitbekommen. Kannst du mich jetzt endlich zu deinem Anführer - ähm, Vater bringen? Ich muss wirklich mit dem Mann reden.“, machte die Niemandin klar und sah, wie sich Arielle plötzlich hinter der Statue zu verstecken begann und staunte nicht schlecht, als sich plötzlich ein schwarzer Schatten – und bei Gott, zuerst dachte sie wirklich, dass es ein total fetter Herzloser war! – hinter ihr auftauchte und alles zu verdunkeln schien. Die pinkschöpfige Bea wandte sich um und blickte in das bärtige, äußerst wütende Gesicht vom König aller Ozeane, der einen goldenen Dreizack in der Hand hielt und von Klein Bea zu Arielle sah und wieder zurück.
„Was geht hier vor?!“
„Daddy, ich- “
„SCHWEIG! Ich hatte dir verboten zu den Menschen zu gehen!“
„Ich war nicht bei den Menschen!“
„Und was ist dann das alles hier?!“
„Das ist – meine kleine Sammlung.“, sagte die Rothaarige und kam treuselig auf den zürnenden Vater zu und hoffte durch ihr entschuldigendes Lächeln eine Minderung von dessen Wut zu erzeugen. Aber Triton war erbarmungslos starr in seiner Haltung. „Ich schwöre dir, Daddy, ich habe es hier gefunden und war nicht an der Oberfläche.“
Aber der König sagte kein weiteres Wort. Er ließ seinen Blick schweifen, der von Gegenstand zu Gegenstand immer finsterer wurde, bis er auf das Abbild des jungen Mannes traf, den Arielle Erik genannt hatte und genau da konnte BeaniXs spüren, wie sein letzter Geduldsfaden riss.
„Majestät, geben Sie ihr eine gehörige Strafe! Hausarrest! Lebenslänglich! Genau das ist es!“, meldete sich eine vorlaute, rote Krabbe zu Wort, die bisher nicht aufgefallen war, weil sie sich in des Königs Bart verborgen hatte. BeaniXs fragte sich insgeheim, was die Krabbe da überhaupt machte. War sie eine Art Gewissen oder eher Berater, konnte ein anderer sie überhaupt sehen außer dem König, oder war es ein Alter Ego? Es war wirklich schwer zu sagen. Aber bei den Worten der Krabben bewegte Triton den Arm, sodass die drei Spitzen des Dreizacks auf das Gesicht Eriks zeigten.
„Daddy, bitte. Nein, DADDY!“, rief Arielle.
Doch ehe noch ihr Satz zum Ende gekommen und ihre Stimme schrill und ängstlich angeschwollen war, brauste auch schon ein Blitz auf die Statue, dann noch einer, ein weiterer zerbarst das Porzellan, der nächste zerstörte die Vasen, wieder einer gegen den Schmuck, gegen die Teller, es war ein Wahnsinn! BeaniXs drückte sich mit dem Rücken gegen die Wand neben dem Eingangsloch, eine der wenigen Stellen, wo noch kein Schatz stand und somit gefahrlos war, währenddessen Arielle an den Armen ihres Vaters hing und versuchte, ihn von seiner Tat abzuhalten, aber ihre Kraft reichte nicht aus und der Königs erfüllte die ganze, kleine Höhle mit Blitzen und zerbrach alles, was sich dort befand. Das Wasser sprudelte dabei auf und wurde recht warm, als wäre es erfüllt von der Wut des Meermannes und würde bald kochen, wenn er nicht bald mit seiner Zerstörungswut aufhörte. Es dauerte seine Zeit. Aber BeaniXs sowie Arielle konnten nicht sagen, wie lange es genau dauerte. Wie eine Schlacht zogen sich die Minuten hin und schienen endlos. Wahrscheinlich eine Viertelstunde, schätzte BeaniXs, als das Schauspiel mit der letzten Scherbe zu seinem Ende kam und einen Haufen Schrott und die kümmerlichen Überreste einer Höhle preisgaben, die die eifrige Sammlerin als auch die unfreiwillige Zuschauerin regelrecht erschütterte.
Arielle ließ von Triton ab. Totenstille war eingekehrt und voller Traurigkeit hob sie das letzte Stück vom Boden auf, das in irgendeiner Form noch heil geblieben war, es war das Gesicht der Statue, kein Kopf, kein Hals, kein Glied, einfach nur das Gesicht mit den viel zu eisigen Augen eines schönen jungen Mannes.
„Ich hasse dich!“, meinte das rothaarige Meermädchen bitter schluckend und der große Mann mit Bart verließ abrupt die Szenerie, wobei die kleine, rote Krabbe, die sich während der ganzen Jähzornattacke verzweifelt im Barte des Mannes festgehalten hatte, zu der weinenden Prinzessin schwamm und kleinlaut versuchte, eine Entschuldigung zu stammeln. Aber die Prinzessin war zu verletzt, zu traurig und trostlos und viel zu enttäuscht von der kleinen Petze, dass sie kein einziges Wort mehr von ihr hören wollte und sie anfuhr, dass sie sie allein lassen sollte.
Als alle fort waren und nur noch BeaniXs und die Stille da, begann Arielle zu weinen.
Die Niemandin betrachtete das Mädchen, sah ihre Gefühle wallen und Formen annehmen, fand es sogar irgendwie schön anzusehen, wenngleich ihr der Schreck von der Zerstörung noch die Schwanzflosse zittern ließ. Aber BeaniXs wagte es sich nicht näher an sie heranzutreten, besah sich stattdessen das Übel. Alles war vernichtet, zu Schutt und Asche verdammt, nicht wieder zu reparieren, besonders nicht die Statue. Sie war wie Pulver zerfallen; fast schon ein Wunder, dass ausgerechnet das Gesicht übriggeblieben war, obwohl es doch der zärteste Teil der ganzen Arbeit war, wie sie ja bestens wusste.
Plötzlich nährte sich jemand. BeaniXs hielt es für besser, sich zu verbergen und zu beobachten, so wie es eigentlich Brauch bei Missionen war, weswegen sie aber gerade jetzt damit anfing, war ihr selbst nicht klar, aber etwas in ihrem Inneren sagte ihr, dass es besser wäre, so zu handeln, denn die Typen, zwei Aale, sahen nicht gerade vertrauenserweckend aus, sodass Bea ihre schwarze Flosse bewegte und hinter einem Felsen verschwand. Sie hörte zu, wie Arielle mit ihnen sprach. Zwar konnte das Mädchen nicht genau verstehen, was genau gesprochen wurde, allerdings kamen ihr die schmeichelnden Worte der Aale ziemlich verdächtig vor, sogar ausgesprochen verdächtig. Und dann, plötzlich begannen alle drei in einen gemeinsame Richtung zu schwimmen.
„Arielle! Wo willst du hin?“, fragte die rote Krabbe, die neben einem gelb-blauen Fisch einige Meter entfernt gesessen – oder wie immer die das hier nannten – hatten. Um ihre Gesprächspartnerin nicht zu verlieren hängte sich die Krabbe an den Schwanz der Meerjungfrau, wobei der Fisch ihnen mit besorgtem Blick folgte.
„Sie bringen mich zu Ursula.“, sagte abwehrend die Prinzessin.
„Die Meerhexe!? Arielle, du kannst nicht-!“
„Warum gehst du nicht und erzählst es sofort meinem Vater? Das kannst du doch so gut.“, fiel Arielle der Krabbe unwirsch ins Wort und schüttelte sie unfreundlich von ihrer Flosse, wonach sie ihren Weg mit den beiden Aalen fortsetzte. Die Krabbe hielt sich, noch während des Falls nach unten, so schnell sie konnte, an der Flosse des Fischs fest, den sie sogleich anwies, Arielle zu folgen.
BeaniXs schluckte leicht. Sie wollte eigentlich nicht noch mehr Kontakt mit den Einwohnern dieser Welt haben, sodass sie sich sehr leise verhielt und die beiden verfolgte, die Arielle und die suspekten Aale verfolgten.

[-> Ursulas Hexenhöhle]
Im tiefen Ozean, zwischen Felsen, wo sich kaum mehr ein Fisch tummelt, steht eine Höhle, die so von schwarzen Korallen umwachsen ist, dass sie das Aussehen eines Dinosaurierskeletts hat, der sein Maul weit aufgeklappt hat, um jeden Eindringling in sein Innerstes zu lassen. Dort drinnen, verborgen und vertrieben, lebt Ursula die Meerhexe.
Der Ort ist wirklich gruselig, dachte sich BeaniXs und musste leicht schlucken. Zwar fiel sie in dieser Düsternis nicht so sehr auf, aber dennoch war es ebenso schwierig, hier einen anderen aus einem Hinterhalt zu erspähen. Die Krabbe und der Fisch waren in ihrem Blick, während sie sich hinter allem Möglichen verbarg und so leise wie möglich hinter ihnen her war, die die Meerjungfrau Arielle und die beiden Aale verfolgten. Eine Kette von Verfolgern.
Arielle passierte den Eingang, ihre Freunde folgten ihr und wollten sie von ihrem Vorhaben abhalten, aber das junge Ding hörte ihnen gar nicht zu und die Heimliche blieb jeglicher Aufmerksamkeit fern.
An den Zähnen des Höhleneingangs vorbei, erstreckte sich alsbald eine Art Garten, in welchem wurmartige Wesen wuchsen, die durchaus einen sehr deprimierten Eindruck machten. Sie waren sogar gänzlich unglücklich, aber Bea hatte keine Zeit, um sie zu fragen, wie sich dieses Empfinden wohl anfühlte. Sie schlich weiter und hatte dabei den Beginn der Unterhaltung zwischen Arielle und dieser ominösen Ursula leider verpasst. Nichtsdestotrotz drückte sich die Niemandin nahe an den Rahmen einen Türbogens – oder was immer das war -, welcher von einem pinkfarbenen Vorhang einiger Seetangranken einen Eingang zu einem besonderen Domizil andeutete. Sie konnte die beiden Freunde Arielles sehen, die mit gebannten Augen auf die junge Meerjungfrau schauten, deren Haar und Flosse sie noch erkennen konnte, jedoch war Ursula für sie momentan nichts weiter als eine Stimme, die tief und weiblich erklang. Durch die allgemeine Erschütterung jedoch, derer sich die Anwesenden, die Arielle von Dummheiten abzuhalten gedachten, momentan bedienten, erschien es Bea als nicht verkehrt, sich einfach hinzuzugesellen, auch wenn ihr Auftauchen eine Überraschung hervorrufen würde, welches jedoch mit Sicherheit durch die angespannte Lage leicht zu verkraften war. So schwamm sie hinter den Fisch und blickte voll Verwunderung zu der Frau, die vor einer Kommode saß und sich eben das Make up erneuert hatte. Sie war fett. Ein Tintenfisch-Mensch-Gemisch und dennoch mußte sich BeaniXs eingestehen, dass sie Respekt vor der Frau hatte, sie sogar wahnsinnig stilvoll fand im Vergleich zu den Leuten, die sie bisher hier hatte erleben dürfen.
„Mein liebes, süßes Kind.“, sagte die Frau dann und wandte sich in all ihrer Herrlichkeit der kleinen Arielle zu und scherte sich gar nicht um den unberechtigten Publikumszuwachs, sodass von irgendwoher plötzlich Musik zu spielen begann und sie zu einer beeindruckenden Gesangsnummer ansetzte, der BeaniXs mit ihrem Donnerwettergesicht mit solcher Begeisterung lauschte, dass es einen schon wunderte, dass sie nicht gleich mit einem Groupie-Gekreisch ein Autogramm verlangte.
„Früher war ich, dass ist wahr, ein echtes Ekel!
Wer mich Hexe schimpfte hatte leider Recht.
Aber schon seit einiger Zeit
Hab ich’s bitterlich bereut
Mich reizt das Gute, das ich endlich möcht!
Stimmt, ja!?
Gott sei Dank kann ich ein kleines bisschen zaubern
Diese Gabe, dies Talent, hatt’ ich schon früh“, hier öffnete sie ihren sogenannten „Zauberkessel“, welcher wohl eine seltsam runde Muschel, ein lebender Fels oder irgend so ein Meerengelumpe war, vielleicht ein kleiner Vulkan sogar. BeaniXs vermochte dies bei Gott nicht bestimmen zu können. Und noch sie ließ zwei Hologramme von Personen in eben diesem Kessel erscheinen, die vom Gesichtsausdruck her dem der kleinen Würmer entsprachen, „Bitte lache mich nicht aus, ich mach was Gutes draus
Für die Verzweifelten, da lohnt sich meine Müh!
Mit Gefühl!
Arme Seelen in Not
Voll Schmerz, voll Pein
Dieser säh’ sich lieber schlanker, jener ist vor Liebe krank
Lass ich sie allein?
Aber nein!
Die armen Seelen in Not
Ganz krank, wie wahr!
Alle kommen voller Hoffnung, dass mein Zauber ihnen hilft
Und ich helfe, ist doch klar!
Seien wir ehrlich es kam vor, ja man haut mich übers Ohr
Doch wer’s versucht, der spürt sehr schnell, da seh’ ich rot!
Klagen gab’s, das räum ich ein, doch meist ziert mich ein Glorienschein.
Für die armen Seelen in Not!“
Man konnte dieser Dame so viel Stil zusagen, wie man nur auf Vorrat hatte, es war immer noch nicht genug. Sie verschloss ihren Kessel in einer wunderbaren Mischung aus edlen Worten und teilweise anstößigen Köperbewegungen, die denen einer dreckigen, alten Hure glichen. Dann nahm sie Arielle mit sich und meinte verschwörerisch:
„Also folgender Vorschlag: Ich braue dir einen Zaubertrank, der dich für drei Tage in einen Menschen verwandelt. Kapiert? Drei Tage.“, dabei ging sie erneut zu ihrem Kesser, welcher sich nur einen Spalt öffnete und aus dessen Inneren eine kleine Miniatur von einer Sonne ihre Bahnen zog, den Verlauf von Sonnenauf- und –untergang.
„Bis die Sonne am dritten Tage untergegangen ist, musst du dein heißgeliebtes Prinzchen dazu bringen, sich in dich zu verlieben. Das heißt er muss dich auch noch küssen.“, aus dem Kessel erhob sich eine kleine Krone, ebenso leuchten wie zuvor die Sonnen, „Doch nicht irgendein Kuss. Nur der Kuss der wahren Liebe.“, ein Herz schob sich in die Krone und weiterhin erklärte sie, dass Arielle nach diesem Kuss, wurde er in der entsprechenden Zeit vollführt, für immer zum Menschen werden würde, ansonsten hätte sie ihre Gestalt als Meerjungfrau zurück und würde dann zu Ursulas Eigentum werden, wonach sie der Kessel wieder komplett verschloss.
„Nein, Arielle!“, schrie die Krabbe auf und wurde sogleich durch den Schwanz eines der Aale zum Schweigen gebracht, welcher sich unwirsch um seinen Mund wand, „Hör nicht auf sie!“, konnte man die Krabbe noch verzweifelt rufen hören. Dem Fisch, obwohl dieser vollkommen still gewesen war, wurde dasselbe angetan; wahrscheinlich wollte sie sicher gehen.
BeaniXs verblieb noch in der Rolle des Beobachters. Wenn sie sich diesen Plan so anhörte, klang er im Grunde recht vernünftig, zumindest wenn man ihn aus der Sicht einer Meerjungfrau sah, die völlig unglücklich hier unten zu sein schien.
„Bist du einverstanden?“, fragte die Hexe schmeichlerisch.
„Wenn ich ein Mensch werde, kann ich nie mehr zu meinem Vater und meinen Schwestern zurückkehren.“
„Ja, aber davor hast du deinen Mann.“, gab Ursula zu und grinste breit, „Das Leben ist voll schwerer Entscheidungen, nicht wahr?“
Sie fläzte sich auf ihrem Kessel, wobei ihre übermäßig prallen Titten auf und ab hüpften und ihr wohl demnächst aus dem Korsett springen würden, wenn diese Welten nicht alle komischerweise so schrecklich kinderfreundlich wären und man scheinbar dringend verhindern wollte, die hängenden Titten einer Hexe zu sehen, die nicht mehr im besten Alter war. Bea schluckte.
„Aber wir ja noch eine Kleinigkeit vergessen.“, fiel der Hexe plötzlich ein und da kam Bea wieder der eine Gedanke, den sie bei so vielen tollen Internetangeboten gewohnt war, der Haken im Vertrag, der nur im Kleingedruckten steht, welches sich immer keiner durchlesen wollte. Sie war nun ganz gespannt auf den Teil, der nun folgen sollte. „Wir haben noch nicht über die Bezahlung gesprochen.“
„Aber ich hab doch nichts.“, beharrte das arme Ding, wurde aber sogleich von der geübten Geschäftsfrau unterbrochen.
„Ich verlange auch nicht viel. Nur eine Anerkennung, nichts Wichtiges, du wirst nichts vermissen.“, sie pausierte kurz, um das Mädchen aufatmen zu lassen und setzte dann mit düsterer Verheißung hinzu, „Was ich von dir haben will: Deine Stimme.“
„Meine Stimme?“, wiederholte Arielle entsetzt.
„Ihre Stimme? Die wird sie aber schon vermissen, Gnädigste.“, mischte sich nun BeaniXs ein und schwamm näher zu den beiden Damen hin, wobei sie genau die erwartete Frage hören konnte, die Sebastian die Krabbe, Fabius der Fisch, Flotsam und Jetsam die beiden Aale und Ursula jeder der Reihe nach unddurcheinander von sich gaben und die Bea im lieblichen Tone zu beantworten wusste, „Ich bin BeaniXs und ich ähm bin … Arielles Rechtsvertreterin. Und ich sage, dass dieser Handel eine absolute Betrügerei ist.“
„Sei still!“, fauchte die Hexe Bea an und ihre Tentakeln fesselten die Nummer Fünf flugs, um mit der Unterhaltung fortzufahren.
„Ohne meine Stimme, wie kann ich -?“
„Du hast dein Aussehen, dein hübsches Gesicht.“, meine Ursula und schwamm ein wenig umher, wobei sie Bea endlich frei ließ, „Und unterschätze niemals die Möglichkeiten der Körpersprache, HA!“
„Sie kann aber keine Gebärdensprache und der Typ wahrscheinlich auch nicht und lassen Sie diese vulgären Gesten, wir sind hier nicht im Moulin Rouge!“, fiel BeaniXs ein.
„BeaniXs, wovon sprichst du da?“, fragte Arielle.
„Von Tatsachen und dass du dich grad übers Ohr hauen lässt. Die Frau plant Schlimmes, sonst würde sie ja wohl nicht in so einer Bode wohnen! Und wenngleich sie wahnsinnig attraktiv ist für diese Zeit, kann ich nicht gutheißen, dass du einen Handel mit ihr treibst, ohne was Schriftliches zu bekommen!“
„Ruhe jetzt!“, schrie die Hexe dazwischen und öffnete ein Regal, aus welchem sie Flaschen mit Tieren und irgendwelchem Zauberkram in den Kessel, der sich wieder öffnete warf und mit ihrer gesanglichen Überzeugung fortfuhr, „Hah!
Die Menschenmänner lieben kein Geplapper!
Ne Quasselstrippe halten die für fad
Ja an Land, nicht ohne Grund, da hält als Dame man den Mund
Und sag doch selbst hat das Gequatsche den Format?
Komm schon!
Die wenigsten erwärmen sich fürs Reden
Der wahre Herr von Welt der denkt nicht dran
Doch sie rasten förmlich aus, bleibt sie stumm, kriegt sie Applaus
Nur die die schweigt, kriegt auch einen Mann!
Na los!
Du arme Seele in Not
Triff die Wahl, jetzt und hier
Ich hab anderes noch zu machen, also halte mich nicht auf
Deine Stimme, gib sie mir!
Du arme Seele in Not
Fatal, doch wahr
Nirgends wird dir was geschenkt, mein Schatz, denn Geld regiert die Welt
Unterschreib hier das Papier, bevor es anders mir gefällt!“, und ein Vertrag erschien vor der Nixe, welchen sie Bea behände unter die Finger riss und ihn schnell durchlas.
„Verdammt! Da gibt es weder Lücken noch Bedingungen! Er ist sozusagen wasserdicht!“, sagte die pinkschöpfige betrübt und Ursula nahm ihr den Vertrag aus den Fingern, wonach Arielle keinen Moment mehr zögerte und ihren Namen darunter setzte.
„Bist du wahnsinnig geworden?!“, schrie BeaniXs sie an, „Du hättest verhandeln sollen!“
„Flotsam, Jetsam, ich hab sie, Boys!
Der Boss ist doch die Höh!
Du arme Seel’ in Not!“
Mit der letzten Silbe schnappte die Hexe das Schriftstück und ließ es mit gefälligem Grinsen verschwinden. Sie machte einige Zauberhafte Bewegungen mit den Händen über dem Kessel:
„Beluga, Sefruga, kommt Winde vom Kaspischen Meer!
Bazillus, Vampirkuss und viel Hokuspokus
Die Stimme, komm her!
Los, sing!“, und Arielle sang auch. BeaniXs konnte so viel Stupidität gar nicht wahrhaben. Sie konnte nicht verstehen, dass dieses Mädchen sogar zu blöde dazu war, einfach noch ein wenig mehr aus dem Vertrag heraus zu handeln. Im Grunde besaß sie nur Nachteile und wohl kaum den Grips, um sich auf intelligente Weise durch die Lage zu schlagen. Sie saß völlig in der Patsche.
Aus dem Kessel wanden sich leuchtende, grüne Arme, die in die Kehle der Singenden krochen und ihr etwas leuchtendes entrissen, das im Grunde einzige, was ihr etwas nützen konnte, wenn sie wirklich den Prinzen zu einem Kuss überreden wollte, ihre Stimme. Und kaum war diese aus dem Körper der Nixe entschwunden, entstand ein Wirbel um sie, der ihre Fischflosse in zwei Hälften riss und daraus Beine formte. Und hier kam noch ein weiterer Haken an der ganzen Sache zutage: Arielle konnte nicht mehr atmen!
„Du hast sie betrogen, Ursula! Das ist nicht nett! Sie stirbt eher, dass sie wieder nach oben kommt!“
„Nicht mein Problem.“, meinte die Hexe heiter lachend.
„Bewegt euch!“, rief Bea Sebastian und Fabius zu und schwamm zu Arielle, die sich panisch die Hände vor den Mund presste, um nicht noch mehr Sauerstoff zu verlieren. An Schwimmen war bei ihr schon gar nicht mehr zu denken, schon gar nicht so tief unten. Die ehemalige Nixe wurde ganz blau im Gesicht und obwohl Krabbe und Fisch sie, unter den Achseln gepackt, nach oben bringen wollten, würde ihr wohl oder übel die Luft ausgehen, ehe sie den Kopf aus dem Wasser bekommen hatte. Somit musste sich BeaniXs zu einer sehr schweren Entscheidung durchringen, für die sie wohl in jedem Film einen Oscar für die beste Lesbenszene erhalten würde; aber in einem Notfall musste man eben notgedrungen handeln, ohne auf sich selbst unnötige Rücksicht zu nehmen. Sie wartete noch, bis sie mit der langsam ersaufenden Arielle, Fabius und Sebastian die Höhle verlassen hatte und packte dann kurzerhand das Gesicht der Rothaarigen. Bea presste ihre Lippen auf den Mund des Mädchens und blies so viel Luft, wie sie konnte, in ihre Lunge. Es war wie eine Mund-zu-Mund-Beatmung, nur dass Arielle noch nicht bewusstlos war.
„Aber das ist ja -!“, sagte Sebastian empört.
BeaniXs ließ von Arielle ab und sah ihn böse an:
„Und ertrinken ist besser oder was?“
„Sie muss nach oben!“, mischte sich Fabius ein und alle drei fassten das Mädchen an einem Zipfel und schleusten sie den weiten Weg hinauf, wo sie einen tiefen, dankbaren Luftzug atmete und dann freundlich von den Dreien zum nächsten Strand gebracht wurde.

[-> Der Strand vorm Schloss]
Auf einer ruhigen Klippe, unter einem dunkelblauen Himmel steht das weiße, große Schloss von Prinz Erik. Es hat einen Bogen an der Fassade, in welchem wie woanders ein Cabrio das Schiff des Prinzen geparkt steht. Ein Weg, sandig und steinig, führt vom Schloss her hinab zu einer im Vergleich kleinen Stelle, an der sich Sand und Wasser berühren. Ein kleiner von Felsen bewachter Strand erstreckt sich hier auf wenige Quadratmeter und bietet Angeschwommenen sowie allerhand Strandgut einen Ort, um das Land wieder zu betreten.
Mit vereinten Kräften schafften es Bea, Sebastian und Fabius das seichte Wasser und den sich gleich danach anschließenden Strand zu erreichen, der im weichen Nachmittagslicht eine weiche Ruhe über alles ausbreitete, was sich unter der Sonne befand. Die arme vormalige Nixe war vollkommen außer Kraft und hätte den Weg, die sie alle hatten schwimmen müssen, niemals allein bewältigen können. Sie schnaufte heftig, als sie erkannt hatte, dass ihre Lungen nun sehr viel mehr Luft brauchten als zuvor und da auch ihre Freunde von dem langen Weg völlig erschöpft waren, schwamm keiner von ihnen weiter als bis zum seichten Wasser, wo Arielle unbeholfen wie ein Kind dasaß und voller Entzücken ihre neuen weißen Beine bewunderte.
„Das war ja noch mal haarscharf.“, meinte BeaniXs erschöpft und lang bäuchlings im Seichten, wo der Sand weich und warm ihre Haut berührte. Es erinnerte sie sehr an den schönen Tag, wo die ganze Organisation den Strand besucht hatte und man voller Hochvergnügen die Melone zerschlagen hat, die einen mehr, die anderen weniger brutal.
„Oh arme Arielle! Sie ist vollkommen aufgeschmissen.“, seufzte Fabius neben der doof grinsenden Rothaarigen, wobei die andern beiden ihm nur beipflichten konnten.
„Ach, seht sie euch nur an! Auf Beinen! MENSCHENBEINEN!“
„Beruhige dich, Krabbe!“, meinte BeaniXs, „Das hilft uns nun nicht wirklich weiter. Vielleicht solltet ihr mal mit der Sprache rausrücken, was es mit diesem Prinzen auf sich hat. Die stumme Trällerliese kann das ja nun nicht mehr in die Hand nehmen.“
„Also, da war dieses Schiff und wir sind hochgeschwommen und dann war diese Möwe und wir haben Menschen auf dem Schiff gesehen. Dann gabs einen Sturm und Arielle hat diesen Mann gerettet und das war der Prinz, den die Statue darstellt, aber ihrem Vater durften wir das nicht erzählen, aber wir haben es doch getan und dann geriet alles außer Kontrolle und jetzt sind wir hier.“, plapperte der Fisch wild und machte erst beim letzten Satzteil eine kurze Atempause. BeaniXs hatte allerdings keine Schwierigkeiten seinem Gerede zu folgen, sie bewegte sogar folgend den Kopf seinen Zuckungen und Gesten nach, um ganz aufmerksam zu bleiben, konnte sie doch selbst in einem Fort auf diese Weise Bericht erstatten.
„Und hier wohnt der Prinz?“, fragte die Nummer Fünf.
„Wahrscheinlich. Hier haben wir ihn zumindest das letzte Mal ausgesetzt.“, meinte Sebastian, „Das erklärt aber noch immer nicht, wer du überhaupt bist!“
„Ich sagte doch, ich bin BeaniXs.“
„Und wer bist du?“
„BeaniXs.“
„Was willst du hier? Ich habe dich noch nie gesehen und ich kenne sämtliche Meeresbewohner von diesem Ozean!“
„Ich komme von außerhalb. Bin rein aus Beobachtergründen hier und hab Arielle dabei getroffen. Eigentlich wollte ich mich nur im Palast umsehen, aber irgendwie kam die ganze Sache mit ihrem Vater dazwischen.“, erzählte Bea, ohne etwas preiszugeben, „Wie auch immer, was machen wir jetzt?“
„Nun ja, wir-“, wollte die Krabbe beginnen, aber dann dröhnte schon eine krächzende Stimme von fern her zu ihnen und eine ziemlich albern aussehende Möwe nahm verhohlen auf Arielles übereinandergeschlagenen Beinen Platz und rätselte sogleich darüber, was an der Nixe anders war als sonst. Haare, Muschelkörbchen, mit welchem er wohl ihr Bustier meinte, und so weiter.
„Sie hat Beine, du Idiot!“, schrie Sebastian die Möwe an, die den Sachverhalt sogleich bemerkte und ganz fassungslos und begeistert war.
„Wir müssen den Prinzen dazu bringen, dass er sich in Arielle verliebt und sie küsst.“, sagte Fabius.
Arielle derweil probierte ihre neuen Beine aus und machte die ersten Versuche auf ihnen zu stehen. Stolpernd bewegte sie sich zu einem großen Felsen, an dem sie sich sogleich festhielt und noch immer den dümmlichen Gesichtsausdruck beibehielt, wohingegen ihre Freunde nebst BeaniXs nur peinlich berührt zuschauten, da sie dadurch volle Sicht auf Arielles Unterleib hatten. Sie wirkte an sich wie jemand, der seine Bikinihose im Meer verloren hatte und sich deswegen nichts scherte, weil er sich an einem FKK-Strand aufhielt. Ein wirklich seltsamer Anblick, in der Tat.
„Die Hexe hat sie aber ganz schön beschissen. Sie hat nicht einmal drei Tage. Das hier gilt schon als erster Tag und den haben wir schon zur Hälfte vergeudet, indem wir bis hierher geschwommen sind.“, meinte die pinkhaarige Schönheit kritisch.
„Und ihre Stimme hat nun die Meerhexe, was uns in Teufels Küche bringt!“, schimpfte Sebastian.
„Aber das ist doch alles kein Problem. Sie muss nur das richtige Outfit haben, dann läuft die Sache schon von allein.“, mischte die Seemöwe, die, wie Bea bald mitbekam, auf den Namen Scuttles hörte. Er flog hinüber und nahm ein altes Segeltuch, das von irgendeinem Sturm vor einiger Zeit wohl her geschwemmt worden war. Er drapierte es mit einigen Stricken um den fast nackten Körper der Seejungfrau, die keine mehr war, und verwandelte das Ganze in etwas, das er Kleid und neueste Mode nannte. Für BeaniXs sah es definitiv mehr nach einem verunglückten Soufflé aus, welches explodiert und vollends Arielle getroffen hatte.
„Das ist …. Anders.“, versuchte Bea zu kommentieren, aber zu mehr fehlten ihr die Worte.
„Sie sieht unmöglich aus.“, murmelte Sebastian, der sich derartiges schon hatte denken können.
„Wir brauchen immer noch einen Plan.“, erinnerte BeaniXs.
„Ich weiß schon, wie wir es machen!“, meinte gleich Sebastian, „Ich werde die Angelegenheit in die eigenen Scheren nehmen und mit Fabius bei Arielle bleiben. „
„Ja, ich auch.“, sagte Scuttles, der damit immer mehr den Anschein erweckte, dass er vielleicht ein wenig Seemannsrum genascht hatte.
„Wenn es denn sein muss.“, räumte Sebastian ihm ein.
„Gut, dann werde ich zusehen, dass ich noch etwas bei Ursula erreichen kann. Vielleicht hat sie noch einen Zauber auf Lager oder lässt sich besänftigen.“, sagte BeaniXs und begann schon rückwärts zu robben, um wieder in etwas tieferes Gewässer zu kommen.
„Guter Vorschlag, wir tun, was wir können.“, Fabius klang erfüllt von Tatendrang und machte mit den Augen schon alle Zuwege klar, die ihn durchs Land bringen konnten.
BeaniXs nickte und meinte abschließend zu der Meute, denen sie bis auf Sebastian wenig Zurechnungsfähigkeiten zugestand:
„Ich werde mich morgen zu euch kommen und schauen, wie es steht. Tut, was immer ihr könnt, damit er sie küsst. So schwer kann das doch nun wirklich nicht sein.“
Mit diesen Worten machte BeaniXs einen Salto und war mit der nächsten Welle entschwunden.

[->Ursulas Hexenhöhle]
BeaniXs schwamm so schnell, wie sich ihre noch immer ungewohnt anfühlende Flosse bewegen ließ. Bisweilen glaubte sie sogar, weder Knochen noch Gräten in diese zu haben, da die Bewegungen so fließend waren, dass sie wie vom Wasser selbst verursacht worden schienen. Doch zum Verwundertsein war keine Zeit. BeaniXs wollte zur Hexe zurück.
Sie musste sich eingestehen, dass sie ein gewisses Entzücken für Ursula empfand und dass sie ebenso von ihren Verkaufsqualitäten sehr überzeugt war. Aber dass sie Arielle fast hatte absaufen lassen, war nicht wirklich eine feine Geste, es war sogar ziemlich widerwärtig.
Nach einiger Zeit kam die Höhle der Hexe wieder in Sicht, welche keiner Veränderung anheim gefallen war seit ihrem Abgang. Bestürzend war es in einer Weise, denn immerhin war geschehen, was geschehen war und doch wies der Ort keine Spur davon auf, als hätte es den Kontrakt niemals gegeben – ausradiert, beseitigt und vertuscht. Bea fand es seltsam, wie unberührt die Gegend einer eigentlichen Schandtat entgegen blicken konnte und noch dazu alles vergessen konnte, wie eine nichtige Erinnerung kurz vor dem Schlafengehen.
Sie schwamm ins Maul des Dinosaurierfisches und dort durch den Garten, wo die kleinen Würmer nach ihr zu schnappen versuchten, sie aber nicht erreichen konnten, da sie höher schwamm, als es wohl andere getan hatten. Sie ließ sich nicht aufhalten und schwamm voller Entschlossenheit in die innersten Gemächer und platzte regelrecht in den Raum, wo sich alles abgespielt hatte und in den man eigentlich nicht einmal richtig platzen konnte, da er keine Tür hatte. Wie sehr bedauerte BeaniXs den Umstand, dass sie nicht reinplatzen konnte, die Tür an die Wand schlagen und mit fester Stimme gegen die fette Krakin zu sprechen, aber scheinbar existierten in dieser Welt keine Türen, was ein elender Umstand war.
„Ursula! Ursula!“, rief sie und suchte den Raum ab, ohne ihrer habhaft zu werden. Noch nicht einmal Flottsam und Jetsam waren da. Nicht einer von ihnen. Wo konnten sie nur stecken? BeaniXs war allein und kein Suchen konnte diesen Umstand ändern.
So wandte sich ihre Aufmerksamkeit einer anderen Sache zu. Immerhin war sie hier, um nach dem Unversed zu suchen und nicht um einer Teenage-Meerjungfrau aus der Klemme zu helfen. Aber neben diesen beiden doch so holden Missionen, war ihre Neugier ein viel ansprechender Gastgeber, der sich nicht abschalten ließ und mit silberscharfer Präzision den seltsamen Kessel der Hexe anvisierte, den diese zuvor mit solcher Eleganz geöffnet hatte. BeaniXs suchte dieses Ding auf, umschwamm es zunächst zögernd und versuchte dann die Bewegungen der Hexe nachzuahmen. Sie fuhr mit der Hand in einem vorsichtigem Bogen um das Ding und schaffte es, dass es sich einen winzigen Spalt weit auftat und einen Lichtschein nach draußen warf.
„Was tust du da?!“, grellte es hinter Nixen-Bea, welche sogleich verschreckt zusammenfuhr, in einem Zug eine hundertachtzig Grad-Drehung vollzog und ihre Hände unschuldsam hinter dem Rücken faltete. Da war die Hexe also, die sich mit ihrer ganzen Gewaltigkeit aufbaute und ihren Tintenfischleib zu ihr bewegte, der dabei wie verschüttete Tinte wirkte. Sie schaute nicht besonders freundlich drein. Keine Spur mehr von der vorhin noch recht netten Tante mit den tollen Zaubersachen. Nur noch das wabernde Doppelkinn unter den blutrot geschminkten Lippen konnte, wenn man es ungenau und verschwommen bedachte, eine nach oben gebogene Linie, die karikativ noch als Mund hätte durchgehen können, andeuten, aber selbst dazu konnte sich Bea vor Schreck nicht mehr besinnen. Sie schaute Ursula schluckend an und registrierte zudem die beiden Aale, die dich hinter der korpulenten Hexe amüsierten und ihr zugrinsten.
„Nun?“
„Ich hatte mich gefragt …“, begann Bea kopflos und wusste gar nicht, was sie sich gefragt hatte.
Sie brauchte auch gar nicht weiter zu reden, zumindest vorerst. Denn Ursula schwamm an ihr vorüber, zu ihrem Kessel und verschloss diesen mit einer schnellen Bewegung. Bea drehte sich ihr immer nach, damit sie ihr nicht aus der Sicht geriet.
„Gefragt?! Was kannst du dich schon gefragt haben? Fast hättest du mir alles verdorben!“, herrschte die Hexe sie an und Bea stimmte ihr innerlich zu.
„Ja, aber das war doch nur, weil ich den Vertrag nicht verstehen konnte.“, versuchte Bea zu erklären.
„Wie könntest du es auch verstehen? Du bist nichts weiter als es dummer Fisch.“, meinte die Fette grinsend und stützte die Ellenbogen auf ihrem Kessel auf.
„Da hast du wohl recht. Aber es ist nicht zu leugnen, dass deine bereitwillige Art ein wenig irritierend ist. Immerhin könnte sie es ja schaffen.“
Ursula lachte düster auf, dass es schaurig schallte.
„Sie wird gar nichts schaffen. Keiner hat es jemals geschafft, einen meiner Verträge für sich günstig auszunutzen und war er noch so clever. Alle hatten sie nur ihre dummen, kleinen Wünsche im Sinn und achteten nicht auf das Kleingedruckte.“, meinte die Hexe und signalisierte mit ein paar Handbewegungen das Lob, das sie sich selbst zusprach.
„Der berühmte Haken an der Klausel.“, erkannte BeaniXs und die Hexe bejahte diese Feststellung.
„Du bist ja doch nicht so blöd, wie du aussiehst.“
Und du bist nicht so fett, wie du … nein, doch, du bist fett, dachte BeaniXs, glaubte aber mit Sicherheit, dass sie nun etwas mehr aus der Hexe herausbekommen konnte, zumindest ein paar Fakten, die für die Meerjungfrau, die nun ein Mensch war, nützlich sein könnten.
„Du wirst doch nicht auch auf die Idee gekommen sein, mit mir einen Handel abzuschließen, Täubchen, oder?“, kam es nun zuckersüß von Ursula und im Vorbeigleiten Beas Kinn berührte.
„Ich bin doch nicht so blöd, wie ich aussehe.“, lachte die Pinkhaarige und fügte dann hinzu, „Ich wollte es eher erlernen. Diese Manipulation finde ich klasse und so nützlich. Vor allem der Teil mit dem Vertrag. Das ist so bindend und so schön preußisch.“
„Du? Eine Hexe werden?“
„Japp.“
Wieder lachte die Hexe auf und tat es diesmal so, als müsste sie explodieren, wenn sie es nicht tat.
„Das Zeug dazu hast du gar nicht.“
„Wollen wir es versuchen?“
„Du hast Mut.“, gab Ursula zu und umrundete BeaniXs.
„Ich habe noch mehr zu bieten, wenn du mich annimmst.“
Ursula nickte kaum merklich ihren beiden Helfershelfern zu, die sich auf BeaniXs stürzten und sie genauso fesselten, wie sie es vor nicht allzu langer Zeit bei Sebastian und Fabius getan hatten. BeaniXs wurde in den Sand geworfen und stammelte unverständlich, wie sehr ihr das missfiel. Freilich hätte sie sich befreien können, aber sie wollte nicht. Sie wollte die Hexe reden hören, während ihre Bewunderung für das fette und unattraktive Wesen immer mehr in ihr anstieg.
„Du bist mit der kleinen Prinzessin befreundet! Da glaubst du doch nicht ernsthaft, dass ich dich in meine Arbeit einweihe!“
Sie einer Antwort zu berauben erschien Bea mehr als unschön, so biss sie in den Aalschwanz, der ihr den Mund verband, sodass sich dieser schmerzlich verzog und ihr das Reden ermöglichte.
„Das verstehst du falsch. Ich kenne sie kaum.“
„Gut, dann macht es dir gewiss nichts aus, dass du erst mein Lehrling wirst, wenn sie ihren Vertrag und ihr Verderben hinter sich hat.“
„Ich wette dagegen.“, meinte BeaniXs vorlaut.
„Du – wie war das?“
„Ich wette dagegen. Ihre Freunde werden ihr helfen und sie wird den Prinzen küssen und alles wird ein gutes Ende nehmen.“, sagte die frohlockende Nummer Fünf und die Aale lösten sich von ihr.
Ursulas Gesicht würde rot vor Wut.
„Du willst dich also mit mir messen´? Das kannst du haben!“, schrie sie auf, „Wenn die kleine Meerjungfrau es nicht schafft, den Prinzen zu küssen, dann bekomme ich sie und dich dazu!“
„Und wenn ich gewinne? Nur mal angenommen.“
„Dann bekommst du …“
„Ich will die Stimme!“, sagte Bea, da ihr Ursulas Kette ins Auge sprang.
„Warum?“
BeaniXs grinste:
„Nun, ich habe auch eine Sammlung, weißt du.“
Ursula willigte ein und sie setzten einen Vertrag auf, genauso wie vor kurzem mit Arielle und Bea unterzeichnete ihn, ohne Zögern und ohne ihn zu lesen, denn sie war fest von ihrem Sieg überzeugt.
Es galt an sich, dass sie nun nur noch dafür sorgen musste, dass Arielle Erfolg hatte und da laut Vereinbarung, ihr eigenes Einmischen nicht untersagt war, konnte sie nachhelfen, soviel sie wollte. Aber es war BeaniXs genauso klar, dass Ursula dasselbe Recht hatte, ihr Vorhaben zu verhindern. Demnach musste die Nummer Fünf einfach etwas schneller sein und sie kannte eine Krabbe und einen Fisch und zu allem Überfluss auch noch eine Möwe mit Sprachfehler, die ihr dabei helfen konnten.
Die beiden Parteien trennten sich. BeaniXs verließ die Höhle und schwamm zurück zu Eriks Schloss.

[->Vom Kanal bis zum See]

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BeitragThema: Re: Folge 007 - Wassermusik [Atlantica]    26.12.11 20:44

Ein Rinnsal klarfrischen Wassers kriecht sanftmütig ins Land hinein. Dieser Rinnsal, der eigentlich ein kleiner Fluss ist, der so friedlich dahinfließt, wird von den Leuten der Stadt zu gern als Bächlein bezeichnet, was genau zu seiner anmuten Gestalt passend erscheint. Tiefer in der Stadt haben die Bewohner vor einigen Jahren einen Kanal errichtet, um ihr Leben komfortabler zu machen und in diesem Kanal fließt der kleine Fluß weiter fort, am Marktplatz entlang, immer neben einer Straße, die schließlich aus der Stadt herausführt, in ein Wäldchen hinein, wo er in einen harmonischen See mündet, der von Trauerweiden und bunten Geblüm in ein kleines, friedliches Paradies fernab des Meeres verwandelt wird.
BeaniXs schwamm und schwamm, so sehr es ihre Flosse hergab. Den Weg das erste Mal zu schwimmen, war weitaus weniger anstrengend gewesen, da durch die Hilfe von Arielles Freunden noch ein, zwei zusätzliche Antriebe dagewesen waren. Aber nun sah sie sich fast schon überfordert, in eben demselben Tempo, wie sich in die Tiefe geschwommen war, nun auch wieder nach oben zu tauchen und dies zu allem Überfluss auch noch entgegen der Strömung, die sie mit barschen Wellen immer wieder zurückzudrücken drohte. Bea sah sich gezwungen eine Pause auf der Hälfte der Strecke einzulegen und erst nach einer Stunde den Weg wieder aufzunehmen. Sie verstand nicht, wie Arielle so ein Theater wieder und wieder auf sich nehmen konnte, nur um an die Oberfläche zu kommen, wo es reichlich ungemütlicher war.
Was hatte sie eben gedacht? Verdutzt musste sich BeaniXs nun über sich selbst wundern, hatte sie doch tatsächlich etwas Gutes über das Wasser gedacht, jenes Element, was so nahe an mit jenem Ort verbunden war, dessen Namen nicht genannt werden sollte. Sie musste wohl schon zu lange in den feuchten Tiefen rumhängen, um so einen Mist zu denken. Von daher beschloss sie ihren Weg so schnell als möglich wieder fortzusetzen.
Es war der späte Nachmittag des nächsten Tages, als BeaniXs das Schloss wieder erreichte, bei welchem sie aufgrund der ungeheuer starken Strömung nicht früher hatte da sein können. Sie legte sich für kurz ins seichte Wasser des Strands, um noch eine Weile zu verschnaufen, als sie plötzlich das Rattern einer Kutsche vernehmen konnte und Fabius, der kleine flinke Fisch neben ihr auftauchte und sie mit harten Stößen seines Kopfes dazu anregte, sich in Bewegung zu setzen und die Kutsche, selbst wenn es schwerfiel, sie nach einer Weile im Auge zu behalten, gnadenlos zu verfolgen.
BeaniXs, die kaum mal wieder zu Atem gekommen war, machte sich sogleich auf die Flossen und huschte den Weg entlang, der ihr von dem gelben Fisch gewiesen wurde.
„Was ist denn los?“, wollte die pinkhaarige Regentin wissen, während sie in einen Kanal einbogen.
„Erik macht eine Spazierfahrt mit Arielle und jetzt wird er sie bestimmt bald küssen.“, meinte der Fisch und schwamm emsig weiter.
„Das wäre nun wirklich ein leichterrungenes Ende.“, bemerkte Bea, die in ihrem Leben schon eine Menge Fastsiege erlebt hatte, die beim Zuführen einer einzigen unstimmigen Komponente zunichte gemacht wurden und sich in eine Niederlage verwandelten. Und bedachte sie Ursula, dann war sie sich ziemlich sicher, dass die Alte sicherlich nicht so bald die Segel streichen würde und mit Schaudern dachte Bea nun auch noch an ihren eigenen Deal mit der Seehexe. Arielle musste den Prinzen einfach küssen und das konnte einfach nicht so schwer sein!
Mit Fabius schwamm BeaniXs an der Stadt vorbei. Der Kanal war sehr schmal, sodass sie gezwungen waren hintereinander zu schwimmen, obschon Bea schneller als der Fisch gewesen wäre, wenn sie vornweg hätte schwimmen können, aber sie kannte den Weg nicht genau.
Der Lärm der Menschen, die sich in der Stadt neben ihnen tummelten, drang zu ihnen und machte es eigentlich schwer, dass ein bestimmtes Geräusch aus diesem Sammelsurium herausgehört werden konnte. Es war sehr laut, wenn man einige Zeit nicht einer solchen Lautstärke ausgesetzt war und so musste die Steinmetzin die Geräuschkulisse als unangenehm hinnehmen, wollte dieser nur zu gern entfliehen, aber dann blieb Fabius vor ihr auf einmal stehen und spähte nach oben. Fast wäre BeaniXs ihm aufgeschwommen, konnte sich allerdings gerade noch halten.
„Was ist denn nun?“, verlangte sie zu erfahren und wurde von dem Fisch hingewiesen, dass sie sich mehr im Wasser verbergen sollte, damit keiner der Menschen sie zu Gesicht bekam. Bea tauchte somit bis zur Nase unter und wiederholte ihre Frage, was ein leichtes Blubbern im Wasser hervorrief.
„Psst!“, machte der Fisch und lauschte nach oben, wo nach ein paar Augenblicken das Rattern einer Kutsche hörbar wurde. Bea sah verwundert empor und konnte dann das rote Haar Arielles, in dem eine blaue Schleife eingeflochten war, sehen, wie es im wilden Lauf eines Rappen davon ratterte. Sobald die Kutsche ein paar Meter weiter gezogen war, setzte sich Fabius wieder in Bewegung und Bea kam hinterdrein.
Fabius begann aus dem Wasser zu springen, um der Kutsche so nahe wie möglich zu kommen. Er sprang ein paar Mal, bis er dann geflüstert schrie:
„Hat er sie schon geküsst?!“
„Noch nicht!“, knurrte ungehalten die Stimme der roten Krabbe, die mit einem entnervten Gesicht auf dem Rand des Wagens saß und von Arielles Gestalt dem Prinzen verdeckt wurde.
Fabius ließ sich entrüstet ins Wasser platschen und mit einem Ausdruck der Verstimmung, setzte er seinen Weg, der Kutsche zu folgen, wieder fort. BeaniXs natürlich hinterher und kaum, dass sie aus der Stadt heraus waren, wandelte sich der Kanal in einen Fluss um, der sich von der Straße weitgehend schied und es somit fast erscheinen ließ, dass die beiden Wege, Fluss und Straße, einander auf immer verlieren würden. Die kleine beanixs’sche Meerjungfrau musste nun arg schlucken, denn sie befürchtete, dass Fabius hier gerade einen tierischen Fehler machte und dass sie dem Fisch wohl zu viel zugetraut hatte, als dass er in der Lage war, den richtigen Weg zu finden. Sie hatte bei aller Liebe nun doch wirklich nicht ahnen können, dass Eriks ganze Pläne, die er für diesen Tag mit Arielle geplant und gebastelt hatte, von keinem geringeren Genie stammten als von Sebastian, welcher keine Mühen gescheut hatte, um sich ins Schlafgemach des jungen Prinzen zu schleichen und ihn mittels ein paar gebellter Befehle den Ablauf des Tages dem schlafenden Jüngling ins Ohr zu schreien, sodass dieser am Morgen erwacht war mit der Idee, Arielle doch mal sein Königreich zu zeigen und mit ihr eine wunderbare Fahrt auf dem See, in welchen der Fluss überging, zu unternehmen. Ja, die Krabbe hatte tatsächlich an alles gedacht.
Während der Tag sich zur Nacht senkte, erreichte das unwillige Frischfräulein Bea mit dem Führer in gelb-blau den See, welcher wundersam herrlich mit allerlei Gewächsen zu einem Schauplatz der Romantik gestaltet war. Ein himmlischer Anblick war es, als das rötliche Licht des Sonnenuntergang mit warmen Farben die Blätter der Weiden lila färbte und dem Wasser einen matten Hauch aufzauberte, sodass das langsam spärliche Licht in kleinen Diamanten auf der Wasseroberfläche glitzerte, sobald diese in Bewegung gebracht wurde. Und dann tauchte auch schon, wie auf Bestellung, das Boot mit dem noch nichts ahnenden Pärchen auf.
Bea und Fabius gingen in Deckung und versuchten sich so geschickt wie möglich zu verbergen und zugleich dem Gespräch, welches durch Arielles Sprachlosigkeit etwas eintönig war, zu folgen. Der Prinz wollte den Namen seiner stummen Gegenüber erraten und warf mit vielen unpassend erscheinenden Worten um sich, die wohl gängige Vornamen in dieser Gegend sein mussten, allerdings nicht wirklich den Geschmack der Holden trafen, welche allein bei Mildred das Gesicht angewidert verzog, wohl in dem Gedanken, dass es sicherlich ein Witz sein sollte, dass er ihr so eine Bezeichnung ihrer Person auch nur zutraute. Fabius und Bea schlugen synchron Flosse und Hand gegen die Stirnen, bei jedem neuen Versuch Arielles Namen zu erraten. Dabei wunderte es BeaniXs etwas, dass in dieser Welt das bekannte Spülmittel gleichen Namens und etwas anderer Schreibweise anscheinend nicht geläufig war, denn mit einer solchen Flasche, wo die Aufschrift groß und deutlich zu lesen war, hätte diese Prozedur weitaus verkürzt werden können. Als schließlich die Nerven aller von diesem elenden, sich hinziehenden Gelaber des Prinzen blank langen, mischte sich Sebastian endlich ein, welcher schnell mit seinen kleinen Füßen zu dem Unwissenden hinschlich und ihm unauffällig zuflüsterte:
„Arielle! Ihr Name ist ARIELLE!“
Ohne ein Wort zu sagen, ein Blick genügte schon, schwamm Fabius zu ihm und die Krabbe sprang auf seinen Kopf, wonach beide wieder zu BeaniXs ins Verborgene kamen. Der Prinz derweil kam Arielle nach diesem kleinen Hinweis wieder etwas näher und flüsterte zu ihr, wonach sie ein Lächeln zu ihm sandte.
„Läuft doch schon ganz gut.“, meinte Bea.
„Noch nicht wirklich, wenn das so weiter geht, küsst er sie nie.“, schmollte Fabius.
„Ach was, das wird schon.“, meinte BeaniXs zuversichtlich.
„HALLO FREUNDE! WIE LÄUFTS?!“, krächzte eine Stimme und alle drei spürten einen kalten Schauer.
„Meine letzte Hoffnung starb genau jetzt.“, seufzte Sebastian.
Die nervige Seemöwe mit dem Sprachfehler flog sie an und hatte eigentlich nicht vorgehabt, dass Wasser zu berühren, aber BeaniXs, die selbst spüren konnte, wie die Zeit verrann, griff sich schleunigst den dröhnenden Schnabel und zerrte Scuttles zu sich.
„Halt die Klappe! Wir sind hier auf geheimer Mission und wenn dein dummes Maul hier was zunichte macht, zerquetsche ich dich wie’n Kiesel, klar?!“, drohte Bea ungehalten.
Aber selbst das konnte der Möwe nicht den Schnabel verschließen. Trotz Beas festem Griff um seinen Schnabel bauchredete er einfach weiter:
„Hat er sie schon geküsst?“
„NOCH NICHT!“, schrien alle drei ihn an und achteten nicht auf ihre Verborgenheit, sodass sich Erik kurz umwandte, um zu schauen, was einen solchen Lärm verursacht hatte und sogleich duckten sich die tapferen Helden, auf dass sie nicht entdeckt werden sollten. Scuttle tauchte bei dieser Chose auch unter, wenngleich er nicht unter Wasser atmen konnte wie die übrigen drei. So entwand er sich mit größter Anstrengung dem Griff Beas, die ihn längst nicht mehr so fest hielt, dass er nicht hätte entkommen können.
„Wir brauchen etwas mehr Stimmung.“, meinte Fabius, nur wieder leise flüsternd.
„Wie viel Stimmung brauchen die denn noch?“, wollte Bea wissen.
„Ich weiß! Musik! Ich habe eine wundervolle Gesangsstimme!“, kreischte der Vogel und war schon auf einen Ast geflogen, von dem aus ihn keiner der drei mehr erreichen konnte, um noch das Schlimmste zu verhindern. Er scheuchte ruchlos einige Vögel fort und begann dann in herzzerreißend grässlicher Weise einen Gesang anzustimmen, der mehr als Scheiben springen ließ.
„Wenn etwas klappen soll, muss man es selber machen.“, brummte Sebastian und schwamm zur andern Seite des Sees, „Holt diesen Idioten da runter!“
„Aye, Sir!“, sagte gleich BeaniXs, die ein solches Verhalten immer AhcXsas gegenüber an den Tag legte und Macht der Gewohnheit, sie konnte es nur schwer ablegen, bei Freiwilligenaktionen die Erste sein zu müssen. So wundert es sicherlich keinen, dass sie sich einen Stein griff mit der Größe eines Kopfes und ihn zur Möwe hochwarf, sodass diese halb getroffen davon flatterte, mit dem Ausruf:
„Kunstbanausen!“
Und erst als Scuttle außer Sicht war brach sich Sebastian ein hartes Schilfblatt ab und nutzte es als Dirrigierstab nutzte und sich an das umfangreiche Volk des Sees, Enten, Schildkröten, Grillen, Glühwürmchen und ein paar Vögel, richtete, die sogleich seinen Vorgaben folgten und mit dem Wenigen, was sich im See befand, begannen einen Takt zu einem Lied anzustimmen, welches durch die Zusammenfügung von vielen kleinen Elementen zur Musik heranreifte.
Und Sebastian begann mit seiner weichen, männlichen Stimme zu singen.
„Percusion, Streicher, Flöten, Text.....

Sieh' sie dir an!
Ist sie nicht bezaubernd schön?
Wie ein Bild, das schweigt,
doch zeigt dir ihr Gesicht nicht alles?
Du weißt nicht wie,
siehst du sie vis-à-vis?
Heißt das nicht: Küss sie doch!
Klar willst du sie!
Schau sie an, sie ist dir nah!
Frag ihr Herz, es sagt bald "ja",
trau' dich endlich und frag sie!
Ganz ohne ein Wort geht es sofort.
Los mach! und küss sie doch!
Sha la la la la laaaa
Nein, oh nein, so klappt es nie, oh nein!
Glaubt ihr er küsst sie noch?
Sha la la la la laaaa
Echt zu dumm, so kriegt sie ihn nie rum,
er muss, das wisst ihr doch!“
„Ich will auch mitmachen.“, freute sich Bea, ganz begeistert von dem schwungvollen Rhythmus und da sie überdies selbst auch so gern sang – wenngleich sie zuvor die Singerei nicht als besonders lukrativ befand - und schwamm hinüber zu Sebastian und diente ihm als Background.
„Das ist die Chance!“
„Ja, ja, ja.“
„Gondelnd auf dem blauen See.“
„Ja, ja. Ja.“
„Find schon endlich deinen Dreh,
die Chance ist nie besser!“
„Ja, ja, ja, ja, ja.“
„Sie bleibt immer stumm, ohne Kuss völlig stumm,
drum küss sie doch!
Sha la la la la laaaa
Sei ein Mann, die Stimmung stimmt, fang an!
Los komm und küss sie doch!“
„Oh oh ooh !“
„Sha la la la la laaaa
Hör nicht auf, zeig's ruhig, da stehst du drauf!
Was ist denn? Küss sie doch!“
„Oh oh ooh!“
„Sha la la la la laaaa
Hör das Lied, es sagt, was bald geschieht,
es sagt: küss sie doch!“
„Oh oh ooh!“
„Sha la la la la laaaa
Die Musik führt - wenn du's machst - zum Sieg.
Los mach schon: küss sie doch!“
„Mach schon!“
„Küss sie doch!“
„Was ist denn?“
„Küss sie doch!“
„Na los doch!“
„Küss sie doch …“
„Küss sie doch!“
„Küss sie doch …“
In aller Erwartung erfüllte das Lied seinen Zweck und sorgte für eine Stimmung, die es den beiden jungen Leuten schwer machte, sich dem Drang zu widersetzen, sich etwas näher zu kommen. Der Zauber der Liebe erfüllte die Luft, machte sie schmeckbar. Die Lippen von Erik und Arielle kamen sich näher und näher, neigten sich Zentimeter für Zentimeter dem andern zu; alle um sie herum bangten, dass es gleich passieren würde, dass gleich aller Fluch gebrochen sein möge und das Happy End sich einstellen würde, wie im richtigen Märchen. Es schien alles so perfekt und unzerbrechlich, die Sicherheit der folgenden Tat konnte einfach nicht gebrochen werden. Nur noch ein Augenblick und alle Arbeit würde ihren Dienst getan haben. Nur ein Augenblick und der größte Träum einer kleinen Meerjungfrau würde in Erfüllung gehen.
Doch plötzlich kippte das Boot zur Seite und beide, Arielle und Erik, landeten mit einem lauten Platschen und einem erschreckten Aufschrei seitens Eriks im Wasser. Alle Anwesenden waren wie erstarrt, die eben noch singenden Vögel machten sich vor Angst davon und zwei Aale reichten sich böse lachend die Schwanzflossen, um den Triumph der Vereitlung zu gedenken, den sie soeben verbrochen hatten. Bea sah die Übeltäter.
„Flottsam und Jetsam.“, murmelte sie und schoss den beiden hinterher, die sich schleunigst aus dem Staub machten, denn von einer kleinen Organisationsmeerjungfrau wollten sie nicht erwischt werden. BeaniXs folgte den beiden bis zum Kanal, konnte ihnen aber dann nicht weiter folgen. Wütend klatschte sie die Hand auf die Wasseroberfläche.
„Verdammt!“, fluchte sie und schwamm noch etwas weiter ins Meer hinaus, in der Hoffnung, die beiden Mistviecher doch noch in die Finger zu bekommen. Dabei wünschte sie Ursula den schlimmsten Spliss ins Haar, den sie sich vorstellen konnte. Aber mit Einbruch der tiefen Nacht gab sie es schließlich auf mit der Verfolgung und schwamm zum Strand zurück.
„Wenn das so weiter geht, ende ich wirklich noch in dem Garten der Hexe. AhcXsas wird darüber sicherlich tierisch mecker, wenn ich nicht zur Arbeit komme.“, seufzte die Ärmste.
„Kopf hoch. Wir haben immerhin noch einen Tag.“, erklang neben ihr plötzlich die Stimme Scuttles‘.
„Du hast gut reden, deine Freiheit steht nicht auf dem Spiel.“
„Aber die von Arielle und das ist ebenso schlimm-schlimm.“
„Verstehe.“, nickte Bea, „Mal schauen, was Sebastian noch für Pläne hat.“
„Ja, genau! Das ist die richtige Einstellung! Ein Tag ist mehr als genug Zeit für tausend Ideen!“
„Übertreib mal nicht.“
„Dann wenigstens hundert.“
„Vielleicht.“, seufzte Bea. Es hatte scheinbar keinen wirklichen Sinn, diesem Torfkopf etwas von logischer Zeiteinteilung zu erzählen. Dennoch erfreute es sie irgendwie, dass er noch immer deratig viel Hoffnung in die Sache hatte, obwohl es schon alles ziemlich verloren erschien.

[-> Der Strand vorm Schloss]
Als BeaniXs und Scuttles wieder am Strand ankamen, stand der Mond hoch am Himmel und ein Flötenspiel erklang durch die Nacht. Sie setzten auf den Sand zu und Bea legte sich bäuchlings ins Seichte, um zu verschnaufen. Die Möwe machte es sich auf einem angespülten Stück Holz bequem.
„Der weiß, wie man ein Snarfblatt richtig spielt.“, bemerkte der blöde Vogel.
Bea schaute verwirrt drein:
„Nennt man das nicht Flöte?“
„Wie?!“
„Flöte! Das, was er da spielt – wer spielt da eigentlich?“
Die fischige Regentin beugte ihren Rücken zurück und versuchte so, mit größter Anstrengung, die Schlossmauern hochzuschauen. Sie konnte so nicht viel erkennen. Einen Oberschenkel, einen Stiefel, alles nachtblau und vielleicht noch einen Arm und ein Stück der Flöte.
„Kann das Erik sein?“, fragte sie, eher zu sich selbst, als zu Scuttle.
„Ist er.“. bestätigte Fabius ihr, der eben um die Ecke bog.
BeaniXs reckte ihr Kreuz wieder zurecht.
„Er denkt darüber nach, wen er liebt. Arielle oder das Wesen, das ihn gerettet hat.“, meinte er, „Das sagte zumindest Sebastian.“
„Aber wenn ich mich recht erinnere, was das ja auch Arielle, oder nicht?“, fragt die Möwe.
„Genau. Irgendwie müssen wir das dem Typ doch verklickern können.“, meinte Bea.
„Schwierig, ohne Stimme und er ist davon überzeugt, dass seine Retterin sprechen kann.“, meinte der Fisch.
Alle drei seufzten sie und hörten dann plötzlich, wie das Meer auf ungewöhnlich Weise töste.
„Was ist das?“, stutzte die Nummer Fünf der Organisation und bemerkte schnell, dass sich in den Wellen Wesen bewegten, die zuvor von dem pinkschöpfigen Mädchen verfolgt worden waren.
„Schnell in Deckung!“, zischte sie Arielles Freunden zu und verbarg sich sogleich mit diesen hinter einem Felsen. Sie spähten wortlos zu dem seltsamen Wasser, während oben, von ihnen unbemerkt, das Flötenspiel erstarb.
Die Wellen brachen sich seltsam. Das Wasser schäumte stark und platschte regelrecht auf den Sandstrand, anstatt ihn liebevoll zu berühren. Und aus dem Wasser trat auf einmal eine Gestalt, die leichtfüßig ihren Weg zum Sand beschritt. Sie war weder nass, noch irgendwie zerrüttet von Wasser. Haar und Haut waren gänzlich trocken wie auch Kleid und Umhang, den sie trug. Nachdem sie dem Wasser endgültig entstiegen war, drehte sie sich in freudiger Selbstbetrachtung um die eigene Achse, als sähe sie sich selbst das erste Mal dergestalt.
„Sie ist bildhübsch.“, bemerkte BeaniXs entzückt von dem Anblick, „Wie gern würde ich sie in Stein meißeln.“
Und dann fiel der Steinmetzin etwas Leuchtendes um den Hals der Dame, denn die Gestalt war eine Dame, auf. Es war ein Leuchten wie von einer Lampe und es strahlte so sehr, dass nicht von dieser Welt zu sein schien und sogar Mond und Sterne erblassen ließ. Bea wusste innerlich, dass sie so etwas noch nie gesehen hatte, aber dann ging die Gestalt wieder zum Wasser und die widerlichen Geschöpfe, Flotsam und Jetsam, redeten mit ihr. Ein genauer Wortlaut war nicht zu verstehen, aber die Vertrautheit ließ nur einen Schluss zu.
„Ist das … Ursula?“, kam es fassungslos über die Lippen der jetzigen Meerjungfrau.
Just in dem Moment verabschiedete die Frau die beiden Aale und lief den Strand entlang in einem gemütlichen Schritt, wenngleich leicht unerfahren. Die Freunde duckten sich noch enger, damit sie ja nicht bemerkt wurden, aber das war auch nicht nötig, denn Ursula hatte bereits ihr Ziel in die Augen gefasst und dies war der junge Prinz, der oben vom Schloss aus, soeben wieder zu spielen beginnen wollte, sich jedoch um entschied und seine Flöte in die Wellen warf. Als das Platschen des verworfenen Instruments zu hören war, begann die Hexe mit dem Zauber. Sie öffnete ihren Mund, spazierte auf und ab und ihre Stimme klang auf einmal nicht mehr wie die ihre, sondern wie die einer kleiner Meerjungfrau, die gerade friedlich im Bett von ihrem Prinzen träumte.
Während des Gesangs schlängelte sich ein Odem, wie ein sanfter Geruch in die Luft, empor zu Erik.
„Das muss man doch aufhalten!“, kreischte die Möwe.
„Ich tue mein Bestes!!“, sagte BeaniXs und begann selbst das „HAAAAAAAAAAHAAAAAAAAAAHAHAAA“, von der Hexe zu kopieren, welches wahrlich nicht übel klang und es sogar fertig brachte, dass der Odem abzutreiben drohte.
Als nun die Dame dies realisierte, schaute sie voller Zorn hinüber zu der trällernden Bea und sang noch umso lauter. Aber Bea hielt mit und so eierte der Odem hin und her und schien sich nicht recht entscheiden zu können.
Bea kämpfte mit der Macht der Musik und schien zu gewinnen, da sie viel mit Atem hatte als die böse Ursula und als es schien, dass die Hexe aufgeben musste, da sie dringend Luft bedurfte, schnippte sie mit den Fingern und setzte Flotsam und Jetsam auf Bea an, die sich ihr um Mund und Arme legten, sodass der Gesang verstummte. Ursula holte tief Luft derweil und sang noch einmal, ehe sich der Odem verziehen konnte und dieser flog nun geradewegs zu Erik, dessen Augen plötzlich wie hypnotisiert dreinstarrten.
Die Aale ließen Bea wieder los und mit verschwanden schnell im Meer. Ursula begann ein hexenhaftes Lachen anzustimmen und wandte sich ab von den nun fassungslos dagebliebenen Helfern, die nun vollkommen hilflos waren und einen derben Rückschlag zu verbuchen hatten.
Es stand nun Eins zu Null für die Hexe und BeaniXs musste die ganze Nacht recht ärgerlich verbringen, da nun vorerst nichts mehr getan werden konnte, außer abzuwarten, was das Hexenflittchen verzapft hatte.
Bea, die Möwe und der Fisch harrten am Strand aus und wussten nicht, was im Schloss vor sich ging. Nur zu gern hätten sie ein Statement von Sebastian bekommen, der immer alles aus erster Hand berichten konnte, durch seine Nähe zu Arielle. Aber der Morgen strich dahin ohne Nachricht. So auch der Mittag und erst in den späten Stunden des Nachmittags kam eine Änderung zustande. Viele Leute machten sich auf dem anderen Ende der Bucht zu schaffen und bestiegen das königliche Schiff, beluden es mit Unmengen von Essen und Wein, schmückten es in aller Eile und legten ein paar Stunden später schon ab, wonach das Schiff in die weite See stach.
BeaniXs hatte sich nach allen Möglichkeiten gereckt und versucht zu sehen, wer alles an Bord ging, aber leider hatte sie nichts erkennen können. Die dumme Möwe verschnarchte die ganze Geschichte und der Fisch war genauso gehandicapt wie sie selbst. Der Vorteil von Flossen lag somit definitiv eher beim Schwimmen und verblieb dort ziemlich zähe, ohne einen Abstecher zu einer anderen Nützlichkeit zu unternehmen. Sie musste somit dem Schiff nachsehen. Dachte sich allerdings nichts dabei, da alles ruhig wirkte und sie keine Verdächtigen hatte sehen können. Der Tag neigte sich schon wieder dem Ende zu als der Himmel zart eine Lilafärbung annahm, musste die Nummer Fünf sich nun doch ernstlich fragen, wo die Krabbe mit den Informationen steckte. Es interessierte sie im Moment ziemlich dringend, was im Schloss geschehen war und was überhaupt der Grund für die aufwendige Schiffsfahrt war; vor allem wollte sie wissen, was mit Arielle war, ob sie an Bord war oder sonst wo. Immerhin ging es hier gerade um Leben und Tod, erinnerte sich die Steinmetzin nun wieder des Kontrakts, welcher doch unschwer ausdrückte, dass die Meerprinzessin vor Sonnenuntergang des dritten Tages – diesen Tages! – ihren Prinzen küssen musste, sonst wäre BeaniXs in Schwierigkeiten und Arielle irgendwie auch noch und die ganze Geschichte mit jenem Ausgang AhcXsas zu erklären, wäre nun wirklich sehr unangenehm.
Nach einer Weile packte BeaniXs wirklich die Wut der Ungeduld und grob schüttelte sie das faule Möwenvieh wach, damit es zumindest in Erfahrung brachte, was auf dem Schiff vor sich ginge. Scuttle raffte sich in aller Müßigkeit auf und flatterte die zwei Seemeilen, sodass er für die pinkhaarige Schönheit nur noch ein fetter, weißer Fleck am Himmel war.
„Da ist ja Arielle!“, rief dann plötzlich Fabius und deutete aufgeregt springend mit der Flosse auf die betrübte Meerprinzessin, die mit Sebastian auf der Schulter zum Kai kam und mit Tränen in den Augen dem Schiff nachsah.
„Was ist passiert?“, wollte BeaniXs wissen, während Arielle sich auf den Kai setzte und den Beine an den Körper zog. Sebastian glitt von ihr herunter und ergriff für das niedergeschlagene Mädchen das Wort.
„Er wird sich vermählen, mit einer anderen.“, seufzte das rote Krustentier.
„Du beliebst zu scherzen!“, sagte Bea aufgebracht und sah sich nun selbst am Haken baumeln. Aber die Krabbe schüttelte traurig den Kopf und Arielles Wimmern bestätigte es noch einmal nachdrücklich. „Das darf nicht sein!“
Die Steinmetzin schlug wütend mit der Faust ins Wasser und ließ es spritzen. Man musste doch etwas unternehmen können, wo es hier doch um mindestens zwei Köpfe ging.
Da krächzte von fern schon wieder Scuttle und eierte im Flug vor lauter Aufregung und brabbelte auf die anderen ein, noch bevor er sie erreicht hatte.
„Was zur Hölle faselst du da?“, unterbrach Sebastian ihn scharf.
„Die Hexe ist auf dem Schiff! Sie wird den Prinzen heiraten!“
„Die ist fällig!“, rief BeaniXs aus, „Wer kommt mit mir, um meinem – ich meine, Arielles Hals zu retten?“
„Kommt!“, brummte Sebastian und schnitt das Seil von den Fässern, die am Steg angebunden waren mit seiner Schere durch, sodass diese ins Wasser rollten. „Fabius, nimm das Seil und zieh das Fass! Du bringst Arielle zu diesem Schiff, so schnell dich deine Flossen tragen können!“
„Okay!“, sagte die Fabius und Arielle sprang ins Wasser und hielt sich an dem Seil fest, wonach Fabius sich auf der Stelle in Bewegung setzte und losschwamm.
„Ich gehe zum Meereskönig, er muss davon erfahren!“, beschloss dann noch die Krabbe und sprang ins Wasser und verschwand sogleich in den Wellen.
„Und was machen wir? Was machen wir?“, wollte Scuttle wissen und BeaniXs grinste sinister dazu.
„Wir beide werden diese Hochzeit aufhalten. Ich schwimme zum Schiff und du holst so viel Verstärkung, wie du auftreiben kannst. Diese Hexe hat sich das erste und letzte Mal mit BeaniXs angelegt!“
Gesagt, getan. Die Wege der Freunde trennten sich.

[-> Die Tiefen des Meeres]
BeaniXs brauchte nicht besonders lange, um Fabius und Arielle zu überholen. Gäbe es eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf dem Ozean, so hätte sie diese – man glaube es kaum – schon längst dreist überschritten, aber in einem Falle dieser Größe musste man nun mal über sich selbst hinauswachsen und Dinge tun, die normalerweise vollkommen absurd und sinnfrei, besonders aber ungewöhnlich bis unglaubwürdig waren und schaffte es Bea mit einer eigenen Rekordzeit das Schiff zu erreichen. Sie hatte schon weitem das Bullauge erspähen können, hinter welchem sich wohl das Zimmer der Meerhexe befand. Sie konnte die Gestalt hinter dem Glas in Bewegung sehen und da sie ziemlich genau wusste, dass niemand im ganzen Schloss wallendes, schwarzes Haar hatte, war das Rätsel einfach zu lösen, wer da herumhüpfte.
„Na, warte, du Biest.“, knurrte die Nummer Fünf und krallte sich mit ihren Fingernägeln an die Seitenplanken, sie war so fest in ihnen drin, dass sie tiefe Kerben verursachte, was BeaniXs an sich nicht interessierte, denn es war ja nicht ihr Schiff und Erik hatte mit Sicherheit genügend Geld auf der hohen Kante, dass er eine Reparatur leicht bezahlen konnte.
Bea machte sich ihre natürliche Kräfteeigenschaft zu Nutze und konnte somit, in die Planken gekrallt, am Schiff hochklettern. Entdeckt zu werden war dabei noch die geringste Sorge; aber im Grunde war dahingehend nichts zu befürchten, da alle anderen auf dem Schiff so in ihre Aufgaben und in den Trouble vertieft waren, dass kein Mensch auf die Idee gekommen wäre, auch nur einen Blick über die Reling zu werden. So konnte das pinkschöpfige Geschöpf seelenruhig, jedoch sehr böse gelaunt zum Bullauge ihres Strebens klettern. Sie hatte Glück. Das Fenster war offen und ließ nicht nur einen guten Blick auf die Hexe erhaschen, sondern konnte wahrscheinlich auch knapp die Größe haben, die ausreichte, um hinein zu schlüpfen, um der Ursula das Spiel zu versalzen.
Aber schaute hinein und hielt sich mit den Fingern am Rahmen des Bullauges fest. Die Hexe war frohgemutes und tanzte im Raum umher und weidete sich an ihrer erzauberten Schönheit, wobei sie mit der Stimme Arielles dazu sang und sich wieder und wieder im Spiegel betrachtete.
„Ehrlich klasse, wie ich ausseh‘,
Als Braut bin ich der Clous!
Alles läuft, wie ich es möchte,
Meinen Sieg hab ich im Nu!
Bald schon krieg ich diese Kleine
Und den Ozean dazu!
Ahahaahahaahahahhaaaaa!!“
Die Stimme klang wohl und auch ihr Lied missfiel der Steinmetzin nicht, es verzauberte sie fast schon so sehr, dass sie um ein Haar vergaß, dass sie eigentlich recht böse auf die Hexe zu sprechen war und als ihr das wieder klar wurde, zwängte sich BeaniXs durch das Bullauge und klatschte plump auf den Boden.
„Autsch“, machte sie automatisch und zog sogleich die Aufmerksamkeit Ursulas auf sich, die sie böse anstarrte.
„Du!“, rief das böse Luder und BeaniXs fasste sich soweit, dass sie aufrecht im Raum saß.
„Ja, genau. Ich bin es!“, erwiderte die Nummer Fünf und sah sich in dem Augenblick einer ziemlich schwierigen Sache gegenüber. Sie konnte nicht laufen, hatte nur diese landuntaugliche Flosse und stank wohl gegen Ursula schrecklich ab, wenn diese weglaufen würde. „Ich werde dich aufhalten!“
Darüber konnte die Hexe nur lauthals lachen und trat mit ihren zierlichen Füßen bis auf einen Meter vor die Nixen-Bea.
„Dass ich nicht lache!“, meinte sie, „Du bist im Moment nicht einmal fähig eine Forelle vom Verspeißt-Werden aufzuhalten. Du erlaubst also, dass ich dich nicht ernst nehme, ja?“
Die Hexe sah sich siegessicher und dachte nicht mal daran, dass nicht nur BeaniXs ihr in die Suppe spucken wollte, sondern noch einige andere. Lediglich etwas Zeit rausschlagen war die Devise, wohlwissend, dass Arielle in den nächsten Minuten das Schiff erreichen würde und wohl leicht an der Ankerkette – Bea ging zumindest durch die geringen Schiffsbewegungen felsenfest davon aus, dass das Schiff vor Anker lag – hochklettern konnte. Im Grunde war das Spiel sehr simpel und Bea konnte sich eines Grinsens nicht verweigern.
„Aber Urselchen, hast du etwa vergessen, dass ich trotz dessen, dass du ein fieses, verlogenes Biest bist, immer noch dein größter Fan bin?“, schmeichelte Bea.
„Ach, ist das so? Vielleicht sollte ich dich dann doch nicht dem Koch überreichen, sondern besser in der nächsten Wüste aussetzen? Wie gefiele dir das denn? Wäre doch herrlich kuschlig, oder? AHAHAHAAHAHAAHAHAHA!“
„Besser als du, wo du doch einen Prinzen heiratest, ohne zu bedenken, dass er dies und das mit dir machen könnte nach den Feierlichkeiten.“
„So so, das macht dir Gedanken?“
„Ja, natürlich. Ich bin eben sehr besorgt und na ja …“, BeaniXs wandte den Kopf zum Bullauge, auf dessen anderer Seite ein schwarzer Schwarm von verschiedensten Vögeln auftauchte, angeführt von einer gewissen Seemöwe.
Die Hexe kreischte kurz voller Zorn auf und machte einen Schritt zurück in der Absicht, schnellstens den Raum zu verlassen und sich im Schiffsinnern zu verschanzen, vielleicht auch die Feier dorthin verlegen zu lassen. Aber noch ehe es überhaupt soweit kommen konnte, sprang BeaniXs sie an und klammerte sich an ihre Beine und riss sie somit zu Boden, dass es polterte.
Die pinkhaarige Schönheit griff schnurstracks nach der Muschelkette, die um den Hals von Ursula baumelte. Aber die Hexe war nicht so dumm, das einfach geschehen zu lassen und eine Handgemenge entstand, wobei sich beide Parteien auf dem Boden wälzten, beide im Kampf um die begehrte Kette. Sie nahmen dabei keine Rücksicht auf die umstehenden Einrichtungsgegenstände und warfen Stühle, Tischchen und was ihnen sonst noch in die Quere kam mit sich um, wobei ein Stöhne und Kreischen immerzu einher ging. Es war wie bei einem Schlammcatchen ohne Schlamm, aber mit den übrigen Extras, wie Haareziehen, Kratzen, Beißen und Treten, obwohl Bea bei letzterem etwas den Kürzeren zog.
Das Krächzen von draußen nahm zu und bald schon, ohne dass Ursula es verhindern konnte, war eine Schar Vögel im Zimmer und schwirrte um Ursula herum. Sie nahmen auch Bea etwas die Sicht, aber da die Vögel ausschließlich die Hexe im Gesicht pickten und diese dadurch mit einer Hand in der Luft herumfuchteln musste, sodass sie BeaniXs nicht mehr ganz so wirkungsvoll von sich drücken konnte. BeaniXs nutzte dies aus und griff nach der Muschel, zerrte einmal ruckartig an ihr, hatte sie in der Hand und im nächsten Moment hatte sie es schon wieder hinter sich in die Luft geworfen, wo Scuttle es sogleich an sich nahm und wieder durch das Fenster entschwand.
„Ach Ursula, mir fällt grad ein, hab ich dir schon Sylphim vorgestellt?“, griente Bea und ließ die Schwertaxt in ihrer freien Hand erscheinen. Die Hexe erstarrte schier und kreischte auf, während Bea ihr Sylphim auf die Beine donnerte. Es knirschte lautstark und die Hexe konnte sich eines schrillen Schreis nicht entwehren, den sie nun wieder mit ihrer eigen, viel unmelodischeren Stimme ausstoßen musste.
Die Vögel zogen ab und im Raum wurde es still für Sekunden. BeaniXs hatte an sich wirklich geglaubt, dass die gebrochenen Beine der Hexe vollstens Einhalt gebieten konnten und sie nun vollkommen kampfunfähig war, sodass die Nummer Fünf freudig von draußen her die Stimme der kleinen Meerjungfrau hören konnte, welche ihrem Prinzen laut und klar sagte, dass sie ihn liebte und dem Jubel der Menge nach zu urteilen war dieses Wiedersehen wohl mit einem Kuss verbunden, was an sich bedeutete, dass der Vertrag erfüllt war.
„Du hast verloren, Ursula. Was-?!“, Bea erschrak als sie plötzlich unter sich etwas wabern spürte. Sie richtete die Augen auf die Frau unter sich und sah mit Entsetzen, dass die ursprüngliche, fette Gestalt der Hexe wieder aus dem zierlichen Körper ausbrach und wer weiß wie viele Tentakeln BeaniXs plötzlich einschlossen.
„Du kleines Miststück!“, schrie Ursula, „Die Kleine kann ich nicht haben, aber dich reiße ich mit Vergnügen in den Abgrund!“
Beanixs war so überrascht, dass sie Sylphim aus der Hand ließ, als die Tentakeln sich eng um ihren Körper schlossen und sie jeglicher Bewegung beraubten. Ursula wuchtete ihren fetten, BeaniXs festhaltenden Körper durch das Bullauge, welcher durch diese enorme Masse unabdingbar zerbarst und abgerundet mit einem heftigen Platschen tauchten BeaniXs und Ursula in die Meerestiefen ab.
Aber weit kamen die beiden nicht.
Noch ehe Ursula ihr finsteres Versteck ansteuern konnte, versperrte ihr ein goldener Dreizack den Weg, welchen BeaniXs wegen ihrer ungünstigen Lage, am Heck der fetten Hexe, nicht sehen konnte.
„Nicht so eilig, Ursula!“, knurrte der Meereskönig ihr entgegen und Sebastian die Krabbe war an seiner Seite. Die Hexe erschrak, fasste sich aber schnell wieder und wollte einen Zauber gegen den König schmettern, aber dieser hielt mit seiner Waffe dagegen und absorbierte die dunkle Magie.
BeaniXs derweil wand sich eifrig in den klebrigen Tentakeln und als der Moment ihrem Kiefer eine kleine Freiheit gewährte, biss sie fest in ihre Fessel, dass die Hexe zum erneuten Male an diesem Tag aufschrie und die Nummer Fünf freiließ.
„Das büßt du jetzt aber ganz doll!“, drohte BeaniXs und machte eine forsche Handbewegung, wonach aus unbekannten Höhen mannsgroße Felsbrocken auf die Hexe stürzten, welche damit grausam zu einem großen Fleck schwarzes Irgendwas zermatscht wurde.
BeaniXs triumphierte und blickte stolz auf ihr Werk hinab. Jedoch spürte sie kaum zwei Sekunden später die verwirrten Blicke von Triton und Sebastian auf sich und wischte sich sogleich das Grinsen aus dem Gesicht und miemte die Ahnungslose.
„ Na sowas aber auch! Ein Meteoritenschauer um diese Jahreszeit! So ein Zufall aber auch.“, meinte sie und pfiff unschuldsvoll vor sich hin, während der König und die Krabbe irritierte Blicke miteinander austauschten und ihnen nichts anderes übrigblieb, als der Aussage ein Amen aufzudrücken, da sie keine Ahnung hatten, wie sie es anders erklären sollten.
Der König räusperte sich alsdann und fragte in einem strengen Ton:
„Wo ist nun meine Tochter?“
„Sie ist zum Menschen geworden, durch den Hexenpakt.“, antwortete BeaniXs.
„WAS?!“, herrschte der König, „Solltest du es ihr nicht ausreden mittels eines Liedes?!“
Die Krabbe, die der Angesprochene war, versuchte sich verzweifelt rauszureden, zu versichern, dass sie nicht im geringsten Schuld daran hätte und da ihr Anblick gar zu mitleiderregend war, mischte sich BeaniXs in diese Sache einfach ein. Der König war immerhin ein wenig wie AhcXsas, zu dem sie nun wirklich bald wieder zurückkehren wollte.
„Wenn ich mal was sagen dürfte, Hoheit. Wenn Sie hier weiter so rummotzen, ist die Party da oben vorbei und Sie können Ihren Schwiegersohn nicht mehr kennenlernen.“
Daraufhin sah der König merkwürdig aus der Wäsche und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ließ er von Sebastian ab und schwamm empor. Die Krabbe wollte ihm getreu folgen, aber Bea schnappte ihn und räusperte sich:
„Ich habe euch ganz schön aus der Patsche gerettet, Sebastian.“
„Öh, öh, ja?“
„Und da seid ihr mir was schuldig.“
„W-Was? Was willst du denn?“, die Krabbe ahnte Schlimmes und wusste kaum um das durchtriebene Wesen, das BeaniXs sein konnte, wenn sie etwas ganz Bestimmtes haben wollte.
„Ich will“, begann sie gebieterisch, „Dieses Lied hören, von dem der König eben geredet hat!“
„Das willst du?“, kam es fassungslos von der Krabbe.
„Oh ja, mit der gesamten Choreographie!“
Sebastian überlegte kurz und meinte dann breit grinsend:
„Abgemacht! Gib mir fünf Minuten, um meine Leute zu mobilisieren!“
Gesagt, getan.
Binnen von fünf Minuten war das gesamte Gesangsteam versammelt und auf den Plätzen. BeaniXs derselbst hatte auf einen mit rosa Meeresblumen bewachsenen, flachen Stein Platz genommen und wartete gespannt auf die Darbietung.
„Der Seetang blüht immer grüner,
wenn er dich von fern erfreut.
Deshalb willst du zu den Menschen,
doch das hast du schnell bereut.
Schau deine Welt doch genau an.
Ja, hier, wo du schwimmst und lebst.
Voll Wunder siehst du das Blau dann.
Sag selbst was du noch erstrebst!
Unter dem Meer, unter dem Meer!
Wo wär das Wasser besser und nasser,
als es hier wär?
Die droben schuften wie verrückt,
drum wirken sie auch so bedrückt.
Wo hasst man streben, wo lebt man eben?
Unter dem Meer!
Bei uns sind die Fische glücklich,
man tummelt sich und hat Spaß.
An Land bist du gar nicht glücklich,
du landest in einem Glas.
Dem Schicksal bist du echt Schnuppe,
du bist schon ein armer Fisch.
Hat dein Boss mal Lust auf Suppe,
schwupps bist du auf seinem Tisch.
Oh, nein!
Unter dem Meer, unter dem Meer!
Niemand frittiert dich, brät und serviert dich
hier zum Verzehr.
Der Mensch hat uns zum Fressen gern,
doch hier sind seine Haken fern.
Lass Stress und Hast sein,
Leben muss Spaß sein!
Unter dem Meer, unter dem Meer!
Ist es nicht toll hier, ganz wundervoll hier,
voller Esprit!
Sogar die Sprotten und der Lachs,
die spielen spottend Blitz und Flachs.
Wir spielen alle, Zander und Qualle,
unter dem Meer.
Die Kröt‘ spielt die Flöt‘,
die Larv‘ zupft die Harf‘,
die Brass‘ schlägt den Bass--
klingt der Sound nicht scharf? --
der Barsch bläst den Marsch,
die Schlei‘ spielt Schalmei
und hier ist der ‚King of Soul‘! (Yeah!)
Der Hecht jazzt nicht schlecht,
der Schellfisch singt toll,
der Wal swingt nasal,
der Butt am Fagott,
der Molch und der Lurch,
die schwimmen nur durch
und der Fisch, der bläst sich auf!
Unter dem Meer, unter dem Meer!
Wenn der Delfin beginnt die Beguine,
will ich immer mehr!
Was haben die, außer viel Sand?
Nur wir sind außer Rand und Band!
Denn jedes Tier hier, das musiziert hier
unter dem Meer!
Selbst jede Schnecke kriecht aus der Ecke
unter dem Meer!
Jede Languste kommt aus der Puste,
sie ist unter Wasser heißer und nasser.
Ja, uns geht‘s toll hier,
ganz wundervoll hier
unter dem Meer!“
Begeistert von der tollen Darbietung klatschte BeaniXs ihren Beifall und Sebastian und seine ganze Meute verbeugte sich vor der aufmerksamen und dankbaren Zuschauerin, die ihnen diesbezüglich mehr Anerkennung zollte als seinerzeit Arielle, die einfach kurz vor Schluss verschwunden war.
Als nun alle Schulden beglichen waren, verabschiedeten sich BeaniXs und Sebastian, welcher der Hochzeit noch beiwohnen wollte und BeaniXs konnte sich nun endlich ihrer eigentlichen Aufgabe widmen und im Palast nach dem Unversed suchen.

[-> Königspalast]
Die Gunst der Stunde zu nutzen war zu diesem Zeitpunkt wirklich einfach. Scheinbar hatte es sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, dass Arielle sich einen Prinzen gekrallt hatte und alle wollten nun wahrscheinlich den Brautstrauß fangen, um auch Prinzessin zu werden. Gut für BeaniXs, dass sie dadurch absolute Handlungsfreiheit hatte, denn der Palast war vollkommen leegefegt. Leegefegt. Leergefegt. Dieses goldene, mit Elfenbein verzierte Ding, das kaum Wände besaß und keine Fenster und Türen, war leer wie ein leerer Palast eben sein konnte und so machte es vor die Nummer Fünf keinen Unterschied, wo sie anfangen sollte. Alles stand ihr offen und nicht konnte sie behindern. Sie durchsuchte die Schlafgemächer, die Säle, den Thronsaal, das schlosseigene Theater, die vielen Gänge und schließlich auch noch die Schatzkammer, aus der sie sich aus Souvenirgründen eine Perle mitnahm, die einen bescheidenen Durchmesser von einem Meter hatte.
Aber an sich konnte BeaniXs nicht einmal die Spur von einem Unversed entdecken. Alles war ruhig und friedlich und nicht mal ein kleiner Schattenlurch ließ sich blicken. Damit war BeaniXs‘ Aufgabe an sich schon erledigt. Es gab keinen Grund, hier noch länger zu verweilen. So ließ die Steinmetzin ein schwarzes Portal erscheinen, in welches sie sogleich hinein schwamm und wieder nach Hause zurückkehrte … mit einer riesigen Perle.

[-> Der Graue Ort]
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Folge 007 - Wassermusik [Atlantica]
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